Zugang – nicht Besitz
Vor ein paar Wochen habe ich einen lang gehegten Plan ausgeführt: Ich habe meine rund 350 VHS-Kassetten weggeworfen. Ich habe seit etlichen Jahren keine VHS-Videos mehr geguckt oder aufgenommen, die Kartons machten sich im Wohnzimmer nur breit und verstaubten vor sich hin. Jetzt habe ich ein Regal eingespart, mehr Platz gewonnen und mein Lesesessel steht endlich da, wo er von Anfang an stehen sollte: Unter dem Fenster.Vor dieser radikalen Aufräumaktion dachte ich, ich könnte die Videos und Kassetten einfach verschenken – aber finden Sie mal jemanden, der dergleichen überhaupt noch haben will. In meinem Bekanntenkreis haben sich DVDs durchgesetzt und niemand hat mehr als eine Handvoll Kassetten für den seltenen Fall, dass mal eine Fernsehsendung kommt, die man aufzeichnen möchte. Allerdings sind auch deren Tage gezählt, schließlich setzen sich Festplatten-Rekorder immer stärker durch. Keine Frage: Der VHS-Markt ist dabei, zu einem Nischenmarkt zu werden.
Beim Entrümpeln wurden Erinnerungen wach. Rund 15 Jahre lang habe ich eifrig Filme aufgenommen und gekauft, Verzeichnisse angelegt – anfangs in Ringbuchordnern, später als Excel-Tabellen und Datenbank –, um mich in meinen Filmschätzen zurechtzufinden. Meine Sammlung enthielt manchen Film, den ich immer schon mal sehen wollte. Und genau das war der Haken: Ich habe die Filme, die ich immer schon mal sehen wollte zwar besessen – aber ich habe sie nicht gesehen. Denn vor lauter Besitzanhäufung durch Zukäufe und neue Aufnahmen fand ich überhaupt keine Zeit, mir die so eifrig gesammelten Filme überhaupt anzusehen.
Dabei fing alles so einfach an: Mit der Einführung von VHS und Videotheken waren plötzlich all die Filme, von denen man bis dahin oft nur gehört oder die man nur einmal zur Hälfte im Fernsehen gesehen hatte, mehr oder weniger problemlos greifbar. Also begann ich damit, VHS-Kassetten zu sammeln. Anfangs eher ziellos und zufällig, später geplant und mit einer Liste der Filme in der Hand, die ich unbedingt haben wollte.
Doch dann schnappte die Falle zu: Die schiere Masse der verfügbaren Filme sorgte dafür, dass mein System der Besitzanhäufung kollabierte und es zum erwähnten paradoxen Phänomen kam: Je mehr Filme ich besaß, desto weniger habe ich gesehen. Aus meinem Bekanntenkreis weiß, dass ich da durchaus kein Einzelfall bin. Nur zu oft wird der Wunsch, einen bestimmten Film sehen zu wollen, mit der Vorstellung verwechselt, ihn besitzen zu müssen.
Dieses Besitzer-Paradox der VHS-Kassetten gilt auch für viele andere Dinge wie etwa Tonbänder, Musik-CDs, Zeitschriften und Zeitungen (die ich wider besseren Wissens immer noch aufhebe, um sie einmal in Ruhe durchzugehen und die ich dann doch nur nach ein paar Wochen ungelesen ins Altpapier gebe): Man sammelt Dinge, um sie zu nutzen und die man aber genau deshalb, weil man sie sammelt, nicht nutzen kann. Denn die Zeit, die man dazu benötigt, wird mit der Sammeltätigkeit vertan.
Ich glaube, dass hier ein Umdenken statt finden muss und auch bereits statt findet. Im Zeitalter digital verfügbarer Informationen ist die Vorstellung, dass jedermann die Dinge, die er nutzen will, auch besitzen muss, obsolet geworden. Statt dessen muss man lediglich dafür sorgen, uneingeschränkten Zugang zu ihnen zu haben. Hier zeichnet sich durch die wachsende Verfügbarkeit preiswerter und schneller Internet-Zugänge ein Paradigmenwechsel ab. Um beim Beispiel Film zu bleiben: Wenn ich jeden Film, den ich sehen möchte, zeitnah aus dem Internet laden und auf meinem Fernseher ansehen kann, gibt es keinen Grund mehr, diesen Film auch auf einem Datenträger – ob VHS, ob DVD – besitzen zu müssen.
Noch sind wir natürlich weit davon entfernt, das emotionales Erbe unserer Jäger & Sammler-Vergangenheit hinter uns zu lassen und den Besitz-Impuls in die Frage umzulenken, wie wir Zugang zum gewünschten Ding bekommen, ohne uns mit seinem Besitz belasten zu müssen. Aber schon jetzt zeigen die ersten Video-on-Demand-Angebote oder der Erfolg von Apples Music Store, dass der Wechsel kommen wird.
