Wenn der Zauberspruch zum Fluch wird

Donnerstag, 3. Mai 2007, 1.02 Uhr | Giesbert Damaschke

Unter den Web-2.0-Priestern ist der Zauberspruch vom “user generated content” derzeit sehr beliebt. Kurz gesagt geht es darum, dass die Besucher einer Website deren Inhalte selbst erzeugen. So entstünde eine sehr enge Bindung, aus den Besuchern wird eine eingeschworene Gemeinschaft, bzw. neudeutsch: eine Community. Eine Site mit funktionierender Community erreicht nicht nur hohe Zugriffszahlen, sondern bietet auch ein ideales Werbeumfeld für Community-affine Anzeigen.

Beispiele für erfolgreiche Community-Sites, bei denen die Besucher für die Inhalte sorgen, sind etwa Flickr, MySpace, Slashdot, Youtube oder Digg.

Digg ist eine der populärsten Websites im Netz. Ihr Prinzip ist denkbar einfach: Wer über eine bemerkenswerte Webseite stolpert, die er gern anderen Netznutzern empfehlen möchte, der kann den Link zur Seite mit einem kleinen Kommentar bei Digg empfehlen. Andere Anwender können diese Empfehlung bewerten. So entsteht ein Rankingsystem, bei dem im Idealfall die besten Geschichten und informativsten Websites in den Empfehlungslisten von Digg ganz oben stehen.

Damit das System nicht in den Sumpf der Illegalität abrutscht, verpflichtet sich jeder Digg-Anwender durch die “Terms of Use” dazu, keine Webseiten mit illegalen, anstößigen, beleidigenden oder ähnlichen Inhalten zu verlinken; Spam ist natürlich ebenfalls unerwünscht. Bislang gab es mit diesen Spielregeln keine Probleme. Wenn ein Link zu einer Porno-Site auftauchte oder versucht wurde, das System zuzuspammen, schritten die Betreiber ein und löschten die unerwünschten Einträge, ohne dass sich die Digg-Community daran gestört hätte.

Doch seit kurzem ist das anders, seit kurzem hat die Digg-Community gezeigt, dass das Zauberwort vom “user generated content” durchaus auch zum Fluch werden kann. Und das kam so.

Am 1. Mai sammelten sich bei Digg zahlreiche Verweise auf Hacker-Sites, die den kürzlich entdeckten Schlüssel zum Knacken von HD-DVDSs veröffentlichten. Die Sites wurden von den Digg-Anwendern überwiegend positiv beurteilt und landeten naturgemäß ganz weit vorn. Wo sie untern anderem das Interesse der HD-DVD-Lobby erregten, die die Betreiber von Digg umgehend dazu aufforderten, diese Links zu entfernen. Bis dahin sah der Vorgang völlig normal aus. Die Links verstießen gegen die Spielregeln (der Schlüssel fällt nach Ansicht der HD-DVD-Lobby unter das Copyright) und wurden gelöscht. In einem Blog-Eintrag erläuterte einer der Digg-Moderatoren den Vorgang und bat um Verständnis.

Doch damit stieß er auf taube Ohren. Denn in diesem Fall war es der Digg-Community völlig egal, ob die Links gegen die Nutzungsregeln oder das US-Copyright-Gesetz verstießen oder nicht. Als sich dann noch herumsprach, dass die HD-DVD-Lobby einmal ein Podcast-Festival von Digg gesponserten hatte, gab es kein Halten mehr.

In kürzester Zeit formierte sich der Widerstand gegen die angebliche Zensur bei Digg. Es wurden im Handumdrehen Webseiten mit dem fraglichen Code publiziert, unzählige Blogs brachten ihn, es wurden Webseiten erzeugt, deren URL aus dem Code bestand. Sucht man in Google nach dem Code, findet man rund 58.000 Webseiten (und es werde stündlich mehr).

Hunderte dieser Sites wurden von den Digg-Anwendern bei Digg gepostet, so dass bei Digg in kürzester Zeit fast ausschließlich Sites gelistet wurden, die zum problematischen Code verwiesen.

Was tut man als Betreiber einer Site wie Digg? Was tut man, wenn die Community, von der man lebt, sich gegen die Betreiber organisiert?

Bei Digg tat man etwas sehr bemerkenswertes: man akzeptierte die Botschaft der Gemeinschaft und entschied sich dafür, keinen der fraglichen Links mehr zu löschen. Den Betreibern ist durchaus bewusst, dass das Ende von Digg sein kann – eine Klage der HD-DVD-Lobby würde man nicht bezahlen können: “Wenn wir scheitern”, so einer der Digg-Gründer im Blogeintrag, “dann, zum Teufel, haben wir es immerhin probiert”.

Es ist gut möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich, dass die HD-DVD-Lobby, mit der nicht gut Kirschen essen ist, Digg kurzerhand aus dem Netz klagen wird. Doch man kann auch darauf hoffen, dass die HD-DVD-Lobby einlenken wird – oder dass die Digg-Community erkennt, dass sie dabei sein könnten, den Ast abzusägen, auf dem sie sitzt.

So oder so, die mutige Entscheidung hat bereits bewirkt, dass sich die Community beruhigt hat – die Digg-Seite bietet inzwischen wieder das gewohnte Bild einer bunt zusammengewürfelten Linksammlung.

Und ganz gleich, wie die HD-DVD-Lobby reagieren wird, der moralische Sieger steht jedenfalls schon fest: Digg.