Sonys Brachialmethoden im Kampf gegen die Raubkopierer
Vor ein paar Tagen warnte Bill Gates in einem Interview davor, dass ein übertriebener Kopierschutz zum Nachteil des Verbrauchers ausschlagen könne und daher abzulehnen sei.Wohlgemerkt: Nicht der Kopierschutz per se, sondern ein Kopierschutz, der mit überzogenen Methoden vorgeht und dem Konsumenten das, was er sinnvollerweise mit einem digitalen Datenträger tun will, unnötig erschwert oder gar unmöglich macht.
Und kaum hat Bill Gates gesprochen, schon fliegt ein von Sony eingesetztes Kopierschutzverfahren auf, das nicht nur illustriert, wie man mit paranoiden Brachialmethoden und technischem Unverstand weit übers Ziel hinaus schießt, sondern darüber hinaus einen veritablen Skandal auslöst und einen Image-Schaden der Extraklasse davonträgt
Sony liefert einige seiner Musik-CDs mit einer eigenen Abspielsoftware aus. Steckt man diese CD in sein PC-Laufwerk, kann man sie ausschließlich mit dieser Software abspielen. Das allein ist schon ärgerlich und dumm genug, schließlich ist es keine gute Idee, die Konsumenten zur Installation einer eigenen Software zu zwingen, wenn eine Abspielsoftware wie zum Beispiel der Mediaplayer auf praktisch jedem Computer vorhanden und der Anwender mit diesem Programm vertraut ist. Das ist ungefähr so, als müsste man für jedes TV-Programm einen anderen Fernseher benutzen.
Doch es kommt noch schlimmer – was bei der Installation der Playersoftware passiert, ist nicht einfach nur ärgerlich, sondern fast schon kriminell (und ist in verschiedenen Staaten auch strafbar).
Zusammen mit dem Player wird ein Kopierschutz installiert, der es in sich hat. Dabei handelt es sich um eine Software namens XCP, die von der Firma First 4 Internet hergestellt wird und die folgende Merkmale aufweist. Die Software …
- … installiert sich ohne das Wissen oder das Zutun des Anwenders
- … taucht nicht unter “Installierte Software” auf, nicht in der Registry und natürlich erst recht nicht im Explorer
- … lässt sich nicht de-installiert (versucht man es trotzdem, muss mit schweren Systemschäden gerechnet werden – in harmloseren Fällen funktioniert das CD-/DVD-Laufwerk nicht mehr)
- … gräbt sich so tief in das Betriebssystem ein, dass sie auch im Safe-Mode aktiv ist
- … belegt kontinuierlich Systemressourcen, weil sie alle zwei Sekunden alle laufenden Prozesse und die mit ihnen verbundenen Dateien überwacht, um eine Kopie der CD zu verhindern – selbst dann, wenn die kopiergeschützte CD nicht eingelegt ist
- … versteckt sich selbst so gut, dass sie nur aufzufinden ist, wenn man weiß, wonach man sucht
- … nimmt bei dieser Versteckaktion so weitreichende Eingriffe im System vor, dass die Stabilität und Sicherheit von Windows ernsthaft gefährdet ist.
Falls Ihnen das Verhalten dieses Kopierschutzes à la Sony & First 4 Internet bekannt vorkommt: Ganz recht, die aufgezählten Merkmale sind typische Erkennungszeichen von Spyware, Trojanern und anderer Schadenssoftware.
Entdeckt wurde diese nicht gerade zimperliche Schutzmethode durch den Sicherheitsexperten Mark Russinovich beim Testen seiner neuesten Software zum Aufspüren so genannter “Rootkits” (das ist Software, die sich auf Systemebene einschmuggelt, unkenntlich macht und Schadensroutinen installiert – also genau das macht, was Sonys Kopierschutz da treibt).
Kaum hatte er seine schockierende Entdeckung detailliert beschrieben, ging eine Welle der Empörung durchs Netz – quer durch alle Anwenderschichten, vom Teenager, der seine CD am PC hören will bis zum erfahrenen PC-Profi und Bestseller-Autor wie Ed Bott, der Sony und First 4 Internet kurzerhand “Sony and their partners in crime” nennt.
In ersten Reaktionen hat Sony versucht, die Wogen zu glätten, als das nicht gelang, hat man einen Uninstaller nachgeschoben, der das Rootkit (angeblich) vollständig von der Festplatte entfernen soll.
Fragt sich nur, ob man einer Firma, die so kaltschnäuzig in fremde PCs einbricht und das auch noch als ihr gutes Recht verteidigt, noch vertrauen kann. Es wird wohl mehr nötig sein, um den Image-Schaden wieder gut zu machen.
Mark Russinovich: Sony, Rootkits and DRM Gone Too Far
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