Schilda liegt in Berlin

Freitag, 8. Juni 2007, 18.38 Uhr | Giesbert Damaschke

Falls Sie sich schon einmal gefragt haben, was aus den seinerzeit ja sehr bekannten Schildbürgern geworden ist, habe ich jetzt die Antwort gefunden. Die Schildbürger sind aus Schilda ausgewandert und leben jetzt in Berlin. Und dort treiben sie den gleichen ahnungslosen Unfug wie eh und je. Wollte man einst das Sonnenlicht in Eimer abfüllen oder Salz auf den Äckern anbauen, so arbeitet man nun unverdrossen am nicht minder unsinnigen Plan, den Namensraum im Internet um die Domain “.berlin” zu erweitern.Bereits im Februar 2006 gab diese absurde Idee an dieser Stelle Anlass zur Verwunderung. Doch die Schilda-Berliner waren in den letzten Monaten nicht faul. Sie haben umtriebig Lobbyarbeit geleistet und es jetzt tatsächlich erreicht, dass sich die Berliner Senat mit ihrem Plan beschäftigt.

Der Senat ist von der Idee zwar nicht begeistert, aber es finden sich bereits die einschlägigen Experten und Politiker, die für die Einführung einer regionalen TLD plädieren und sich dabei, wie es sich für echte Schildbürger gehört, weit von allem entfernen, was man als Realität bezeichnen könnte.

Dabei wird das Vorhaben schon daran scheitern, dass die ICANN als oberste Verwaltungsinstanz eine solche Domain zulassen müsste – was sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht tun wird. Schließlich wird sich die ICANN wohl kaum freiwillig die Probleme ans Bein binden, die mit der Zulassung einer Städte-Domain zwangsläufig entstehen.

Es würde eine Flut von Anträgen nach neuen Domains über die ICANN hereinbrechen – was Berlin kann, kann schließlich auch jede Stadt, jede Gemeinde, jedes Land und jeder Bundesstaat. Wenn .berlin, dann auch .bremen, .newyork, .oberammergau, .paris, .texas und so weiter und so fort. Der Verwaltungsaufwand wäre enorm und die Regularien zur Vergabe müssten auch erst noch entwickelt werden. Die Einführung der .info-Domain hat Jahre gedauert, die Einführung von hunderten neuer TLDs würde sich über Jahrzehnte hinziehen.

Letztlich scheitert die Idee der regionalen TLDs daran, dass das aktuelle Namensystem dergleichen nicht vorsieht. Eine Domain wie .berlin läuft der hierarchischen Struktur des DNS ganz einfach zuwider. Das nämlich ist global ausgelegt und “regionale TLD” im Grund ein Widerspruch in sich, steht TLD doch für Top Level Domain (was eine Region per Definition nicht sein kann). Zur Einführung von .berlin oder anderen Städte-Domains müsste im Grunde die zentrale Verwaltungsstruktur des Internets neu geschaffen werden. Das mag eine nette Idee sein und unmöglich ist es nicht – aber realistisch erst recht nicht.

Und dabei wäre das erst der Anfang. Denn natürlich würde es auch bei regionalen TLDs jede Menge Streit um ähnliche oder identische Namen geben. Obendrein könnten sich internationale Firmen fragen, warum sie ihre Markennamen nicht als TLD benutzen können, warum soll es keine TLDs wie .windows, .bmw oder .apple geben?

Und wofür das alles? Für einen gewaltig überschätzten Namensbestandteil einer Internetadresse. Weder stimmt es, dass der Namensraum innerhalb der .de-Domain knapp würde, noch würde die Einführung von .berlin für mehr Klarheit und Einheitlichkeit sorgen, sondern im Gegenteil einen ganzen Rattenschwanz an Verwirrungen und Streitigkeiten nach sich ziehen. Leichter zu finden wären die Adressen auch nicht – wer heute etwas im Internet sucht, der benutzt eine Suchmaschine und orientiert sich nur in seltenen Ausnahmefällen an der TLD.

Profitieren würden am Ende nur zwei Parteien. Zum einen die jetzigen Lobbyisten, die so eifrig für die Einführung der Domain kämpfen. Denn die planen, sich später für die Verwaltung und Vergabe von Domains innerhalb der .berlin-TLDs bezahlen zu lassen.

Und natürlich die Spammer, die noch aus jeder Neuerung Kapital geschlagen haben. Als mahnendes Beispiel sollte einem die Einführung der .info-Domain gelten. Die wurde nach viel Hinher und großem Tamtam und hochfliegenden Hoffnungen eingeführt – und in kürzester Zeit nahezu komplett von den Spammern übernommen. Warum sollte das bei .berlin anders sein?

Aber erklären Sie das mal einem .berliner Schildbürger.