Pfeifen im Dunkeln
Wenn dermaleinst die Geschichte der Telekommunikation geschrieben wird, dann wird ein Datum besonders markiert werden: Der 17. August 2000 – der Tag, an dem die Telcos starben. Was werden spätere Generationen wohl über diesen Tag sagen. Vielleicht das:
Ein Blick zurück aus der Zukunft
Am 17. August 2000 ging nach 173 Runden die Versteigerung der UMTS-Lizenzen zu Ende und sechs verblendete Telefonkonzerne verpflichteten sich zur Zahlung von jeweils rund 8,4 Milliarden Euro. Insgesamt sollte die Auktion mehr als 50 Milliarden Euro in die Staatskassen spülen. Doch es kam anders: Die Telcos hatten sich übernommen, der Markt brach zusammen (Miesepeter munkelten gar, er habe außerhalb der formschönen Executive Summaries nie existiert) und ein Finanzminister, der an die Wertschöpfung aus dem Nichts glaubte, wandte sich wieder einmal an die Steuerzahler, die am Schluss bekanntlich noch immer die Zeche zahlen, wenn es den Machern besonders visionär zu Mute wird.
Zwar schillerte die Seifenblase UMTS noch kurz vor ihrem Ende verführerisch bunt und Schwerstdenker vom Schlage eines Karl-Heinz Rummenigge konnte man problemlos davon überzeugen, dass Millionen Menschen keinen sehnlicheren Wunsch haben, als bundesdeutsche Fußballgurken auf dem Handydisplay zu erleben – spätere Generationen werden lapidar feststellen, dass der forsche Manager einfach ein paar Kopfbälle zu viel abgekommen hat.
Der Stand der Dinge
Nun, ganz so weit ist zwar noch nicht, doch auch fünf Jahre nach der Lizenzvergabe ist UMTS kaum mehr als ein Gerücht. Sicher, es gibt UMTS-Netze, es gibt auch UTMS-Handys und ich habe sogar Bekannte, die behaupten, sie kennten jemanden, der UMTS zumindest mal ausprobiert habe.
Aber machen wir uns nichts vor: Die angeblichen “Mobiltelefone der neuesten Generation” spielen nach wie vor keine sonderlich große Rolle und sind erst recht nicht so dominant, wie es die Visionäre von fünf Jahren versprochen haben. “Ab 2001″, lese ich zum Beispiel in einem zeitgenössischen “Telefonlexikon”, “werden Videokonferenzen und Elektronische Post nach UMTS zur Standardausrüstung von Mobiltelefonen gehören.”
Tja.
Statt dessen haben die letzten Jahre gezeigt, dass sich die technische Entwicklung nicht so ohne weiteres vorhersagen lässt und sich der projektierte Verlauf mitunter ganz erheblich von der Realität unterscheiden kann. Im Jahr 2000 ahnten zum Beispiel die wenigsten, in welch rasantem Tempo sich WLAN und preiswerte Breitbandanschlüsse verbreiten würden, was dazu geführt hat, dass UMTS, kaum dass es allmählich in die Gänge zu kommen scheint, bereits einen mächtigen Konkurrenten im Nacken hat. Denn in kaum einer Branche ist der Innovationsdruck so hoch wie bei der Kommunikations-Technologie und wohl niemand hat ernsthaft erwartet, dass man sich in den Forschungslabors gemütlich zurücklehnen würde, bis die UMTS-Querelen beigelegt und dieser nicht mehr ganz so neue Standard sich endlich etabliert haben wird. So kommt es, dass mit “Wimax” bereits der UMTS-Nachfolger in den Startlöchern steht und sich anschickt, den dahinstolpernden UMTS-Standard einfach über den Haufen zu rennen.
Angesichts dieser Entwicklung kommen einem die Statements der Handy-Hersteller wie das sprichwörtliche Pfeifen im Dunkeln vor. Obwohl es sich abzeichnet, dass UMTS als ein milliardenschwerer Flop in die Geschichte eingehen wird – selbst wenn der Dienst irgendwann durchstarten sollte, ist nicht zu erkenne, wie man die riesigen Investitionen wieder reinhohlen will – , verbreitet man dort trotzig ungebrochenen Optimismus.
Bei LG Electronics zum Beispiel geht man fest davon aus, das Ende 2005 in Europa zehn Prozent aller Handys UMTS-Telefone sein werden. Das ist zwar auch nicht gerade wirklich viel und liegt deutlich unter den Prognosen aus dem Jahr 2000, aber das wäre immerhin noch eine Verdreifachung der UMTS-Verbreitung im Jahr 2004. Ähnlich gut drauf ist Nokia-Chef Jorma Ollila, der ingesamt von einem 15-prozentigen Wachstum der Handy-Branche ausgeht (also nicht nur UMTS) – obwohl er im gleichen Atemzug eingestehen musste, dass der im letzten Jahr prophezeite massenhafte Umstieg auf UTMS-Handy seltsamerweise nicht statt gefunden hat.
Die US-Marktbeobachter von In-Stat beurteilen die Situation übrigens sehr viel nüchterner: Insgesamt sei der europäische Markt gesättigt, allzu große Steigerungen seien hier nicht mehr möglich. Und überhaupt würde UMTS erst im Jahr 2008 so richtig in Fahrt kommen.
Die Frage ist nur, wen das dann noch interessiert. Denn derzeit hat sich der Chip-Gigant Intel ganz dem neuen Wimax-Standard verschrieben und will noch in diesem Jahr dafür sorgen, dass die Notebook-Chipsätze Wimax-fähig werden.
Natürlich weiß man das auch bei den Handy-Herstellern. Und während man einerseits Optimismus in Sachen UMTS ausstrahlt, bereitet man andererseits den Einstieg ins Wimax-Geschäft vor; die ersten Wimax-Handys will LG Electronics bereits in der zweiten Jahreshälfte 2006 auf den Markt bringen.
Aber vielleicht geht ja doch noch alles gut aus und UMTS werden nicht zu Konkurrenten, zwischen denen sich der Kunde entscheiden muss, sondern zu sich ergänzenden Partnern. An einer Verbindung der beiden Funkstandards wird derzeit eifrig gebastelt.
P. S.Ich selbst telefoniere übrigens fast nie mobil. Und wenn, dann mit einem Prepaid-Handy der Billigklasse. Denn das, was ein UMTS- oder Breitband-Handy können soll, kann man kleines Powerbook sehr viel besser.
