Noch macht beim Mitmach-Netz kaum jemand mit

Dienstag, 4. Dezember 2007, 18.51 Uhr | Giesbert Damaschke

Eines der großen Schlagworte in diesem Jahr ist “Web 2.0″, auch “Mitmach-Netz” oder “User generated content”. Nicht immer ist so ganz klar, was genau damit gemeint ist und was das Web 1.0 vom Web 2.0 unterscheidet, aber im Kern geht es dabei um Websites, bei denen Menschen mit Menschen diskutieren, reden, flirten, streiten. Man publiziert auf entsprechenden Plattformen Bilder, Videos und Texte, bastelt sich oft auch eine eigene Online-Identität und knüpft jede Menge sozialer Kontakte, die aus einem bloßen Besucher einer Website ein Club-Mitglied machen, das so schnell nicht mehr loskommt.

Vereinfacht kann man sagen, dass traditionelle Websites nach dem gewohnten Sender-Empfänger-Schema funktionieren. Es werden Inhalte publiziert, die von den Besuchern rezipiert werden. Beim Web 2.0 stellt der Website-Betreiber aber keine Inhalte mehr bereit, sondern Werkzeuge zum Aufbau sozialer oder kommunikativer Beziehungen. Die Inhalte kommen von den Besuchern.

Paradebeispiele sind die Sites, die in diesem Jahr für Schlagzeilen gesorgt haben: Youtube, Flickr und Facebook. Bei Youtube können die Nutzer eigene Videos veröffentlichen, bei Flickr Fotos und bei Facebook sich selbst.

Diese drei Sites haben etliche Millionen Mitglieder, wachsen mit erstaunlicher Geschwindigkeit und werden für nachgerade irrsinnige Summen gehandelt. Sie bilden den Kern der immer wieder erzählten Erfolgsgeschichten, wenn es um die Frage geht, ob es für Web 2.0 überhaupt tragfähige Business-Modelle gibt.

Doch eine aktuelle Studie von TNS Infratest verpasst der Web 2.0-Euphorie einen zumindest vorläufigen Dämpfer. Die Marktforscher haben 1.000 Personen in Deutschland zu ihren Webgewohnheiten befragt und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Beim Mitmach-Netz macht kaum jemand mit. Nur neun Prozent der Online-Deutschen werden von TNS als “Prosumenten” bezeichnet, als jemand, der nicht nur “konsumiert”, sondern auch “produziert”, also aktiv Inhalte ändert, gestaltet oder bereitstellt.

Die anderen deutschen Internet-Nutzer bleiben lieber passiv. Sie surfen im Netz, rufen hier und da Informationen ab, sehen sich auch Videos auf Youtube und Fotos auf Flickr an – aber sie beteiligen sich nicht aktiv am Geschehen. Sie nutzen das Web 2.0 gewissermaßen einsnullig.

Allerdings gibt es für die Web-2.0-Propheten einen starken Trost: das Ergebnis der Marktforscher hängt stark vom Alter der Befragten ab. Je älter die Nutzer, desto stärker neigen sie zum bloßen Konsumieren, je jünger, desto aktiver und interessierter sind sie im Netz. Beschränkt man sich nur auf die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen sieht die Sache zum Beispiel schon ganz anders aus. Denn hier haben rund 30 Prozent der Befragten bereits selbst Inhalte im Internet publiziert oder sich aktiv an entsprechenden Angeboten beteiligt.