Microsoft und das Borland-Konzept
Als ich Mitte der achtziger Jahre meine ersten Erfahrungen mit der PC-Programmierung sammelte, da war Turbo Pascal der Firma Borland das System meiner Wahl. Aber was heißt da schon “Wahl”? Ich hab es benutzt und Pascal gelernt, weil ich die Entwicklungsumgebung günstig bekommen habe. Genauer gesagt: ich habe sie umsonst bekommen, in Form kopierter Disketten.
In Sachen Turbo Pascal herrschte an der Uni ein reger Kopierbetrieb, wurden die Disketten doch ohne Kopierschutz ausgeliefert. Eventuelle Gewissensbisse wurden abgewiegelt: das sei schon ok, der Hersteller Borland habe nichts dagegen und würde unter der Hand an den Unis sogar dazu ermuntern, Turbo Pascal an Freunde weiterzugeben.
Das mag stimmen oder auch nicht – ein offizielles Statement habe ich dazu nie gelesen, bin mir aber ziemlich sicher, dass Borland die Kopieraktionen bewusst in Kauf nahm –, es führte jedenfalls dazu, dass Turbo Pascal ungemein populär wurde. Und da es obendrein ein wirklich exzellentes Entwicklungssystem und Borland einfach eine coole Firma war, wurden aus den studentischen Benutzern von Turbo Pascal oftmals Fans und später loyale (und zahlende) Kunden.
Heute werden nicht nur an Unis immer noch Kopien von Software durchgereicht, aber heute handelt es sich dabei entweder um definitiv illegale Raubkopien oder aber um kostenlose Programme aus der Linux- und Open-Source-Szene. Dabei geht es in Unikreisen gar nicht mal so sehr um Windows und Office, sondern um die vielfältigen Programmierwerkzeuge, die unter Linux zur Verfügung stehen. Für Informatiker und angehende Entwickler ist Linux eine immer üppig gedeckte Festtafel mit einem kostenlosen “All you can eat”-Ticket.
Das Angebot scheint so reizvoll zu sein, dass kommerzielle Firmen – allen voran natürlich Microsoft – bei der nachwachsenden Entwicklergeneration zunehmend an Boden verlieren, was zunehmend Besorgnis auslöst. Denn wer die Entwickler verliert, der verliert über kurz oder lang auch den Markt.
Die Situation scheint so bedrohlich geworden zu sein, dass Microsoft für sich nun das Borland-Konzept entdeckt hat. Denn wie die Financial Times berichtet, plant man in Redmond, die Entwicklungswerkzeuge Visual Studio und Expressions an Schüler, Auszubildende und Studenten umsonst abzugeben. Erklärtes Ziel ist es dabei, Windows als Entwicklungsplattform für innovative Programme und Anwendungen zu stärken.
Ob dieses Konzept allerdings so erfolgreich sein wird wie seinerzeit bei Turbo Pascal oder ob Microsoft den Kampf gegen Linux & Co. in den Köpfen der Entwickler bereits verloren hat, bleibt abzuwarten.
