Haben Lösung, suchen Problem

Dienstag, 27. Dezember 2005, 15.34 Uhr | Giesbert Damaschke

John Romkey hatte es noch gut. Als er 1990 einen Toaster ans Internet anschloss, da fragte ihn keiner, was der Quatsch soll. Rechtfertigungen waren in der guten alten Netzzeit überflüssig, es genügte, dass etwas möglich war, um es tun.

Doch die Zeiten ändern sich, die Pioniere sind ausgestorben, die Claims sind abgesteckt und heute muss man schon einen guten Grund haben, etwas zu tun, bevor man es tut. Denn denkbar ist vieles und realisierbar manches – doch ob man auch tun sollte, was man sich denken kann und was realisierbar wäre: das ist die Frage.

Eine Frage, die von manchen Herstellern immer wieder ignoriert wird, wofür sie der Markt auch umgehend abstraft. Anders gesagt: Immer wieder produzieren Firmen am realen Bedarf vorbei, bleiben auf ihren Produkten sitzen, die keiner haben will und verstehen die Welt nicht mehr.

Beispiel Bildtelefon

Mein Lieblingsbeispiel für eine solche fehl geleitete Produkstrategie liefert seit etlichen Jahren die Telekom. Die nämlich preist unverdrossen die Möglichkeit an, Telefon und Video zu verschmelzen und wird nicht müde, die Vorzüge eines Bildtelefons zu bewerben. Und das, obwohl der Markt sich bis heute beharrlich weigert, ein solches Gerät zu akzeptieren. Einzige Ausnahme: Videokonferenzen im Business-Bereich.

“Denkbar” sind Bildtelefone schon lange, es gibt sie als Idee seit es “Science Fiction” gibt, schon bei Jules Verne finden sich die ersten Vorboten. Natürlich ließen sich auch die Drehbuchautoren der diversen Science-Fiction-Filme und -Serien die Einführung eines Bildtelefons nicht nehmen. Ob “Raumpatrouille Orion”, “Star Trek” oder “Babylon 5″ – Bildtelefone, wohin man schaut und auch SciFi-Blockbuster wie jüngst “Die Insel” wollen uns weis machen, dass in wenigen Jahren Bildtelefone die normalste Sache der Welt sind.

Dabei sind solche Telefone bereits heute nicht nur denkbar, sondern auch problemlos realisierbar – die technischen Grundlagen sind seit einer kleinen Ewigkeit gegeben und seit ein paar Jahren Jahren kann jeder, der will, problemlos entsprechende Endgeräte kaufen.

Hier nun kommt die Telekom ins Spiel. Die nämlich hat das Problem, dass sie eher abstrakte Dienstleistungen verkauft, die dem Kunden zuerst einmal mit konkreten Nutzungsbeispielen schmackhaft gemacht werden müssen. Es nützt schließlich überhaupt nichts, wenn die Telekom immer größere Bandbreiten bereit stellen kann, solange man nicht weiß, was man damit eigentlich machen soll.

Schon zu ISDN-Zeiten sah man in ganzseitigen Anzeigen lachende Großeltern im fröhliche Geplauder mit ihren Enkeln am Bildtelefon und der alltägliche Nutzen eines solchen Gerätes schien evident – ohne dass die Bildtelefonie einen nennenswerten Aufschwung erfahren hat.

Auch bei der Einführung von UMTS wurde die Bildtelefonie als Musterbeispiel für eine sinnvolle Anwendung der neuen Technologie genannt und natürlich durfte dieses Argument auch nicht bei DSL und der Einführung der Highspeed-Netze fehlen.

Denkbar, machbar – aber kaum jemand will’s haben

Trotzdem – mit Ausnahme des oben erwähnen Nischenmarktes der beruflichen Videokonferenzen hat sich die scheinbar so nahe liegende Verbindung von Ton- und Bildübertragung bislang nicht durchgesetzt und wird es aller Voraussicht nach auch so schnell nicht tun.

Das mag für das Marketing der Telekom verwunderlich sein – für jeden anderen ist es dagegen leicht zu erklären: Wer will sich schon beim Telefonieren jederzeit beobachten lassen?

Bildtelefonie erweitert ein Produkt in eine Richtung weiter, für die es (zumindest derzeit) keinen Bedarf gibt. Schließlich ermöglicht das Telefon die direkte Kommunikation unter Wahrung der Privatsphäre. Und genau dieser Aspekt wird durch ein Bildtelefon aufgehoben und versetzt jeden, der die Bildfunktion beim Telefonieren ausschaltet, in Erklärungsnöte.

Wie gesagt – denkbar ist viele, realisierbar manches. Aber ob man es auch tun sollte, das ist die Frage.