Guck mal, wer da korrigiert
Die “Wikipedia” ist ein erstaunliches Phänomen. Eigentlich dürfte das gar nicht funktionieren: Ein Lexikon, das seinen kompletten Inhalt kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, an dem niemand wirklich Geld verdient und das von der freiwillig erbrachten Leistung der Vielen abhängt; ein Lexikon, dessen Artikel im permanenten Fluss sind und kontinuierlich verändert werden; ein Lexikon, an dem jeder (wirklich jeder) mitschreiben und bei dem jeder (wirklich jeder) prinzipiell jeden Artikel nach Gutdünken bearbeiten, manipulieren oder auch löschen kann.
Eigentlich müsste das schon längst in chaotischen Grabenkämpfen versunken sein und hätte nie über ein paar großspurige Ankündigungen hinaus kommen dürfen. Genau das ist auch das Schicksal vieler anderer “Wikis” – aber nicht das der Wikipedia. Die hat sich, allen Problemen und Widrigkeiten zum Trotz (zu denen auch noch eine eher gewöhnungsbedürftige Software zu zählen ist) zu einer der wichtigsten und einflussreichsten Infosites im Internet entwickelt.
Inzwischen ist die Qualität eines Wikipedia-Eintrags zu Produkten, Firmen, Organisationen und Personen für die Betroffenen von großer Bedeutung und es fehlt nicht an Versuchen, die Wikipedia zu instrumentalisieren.
Doch wenn auch eine kleine Bewertungskorrektur in dem einen Artikel, ein Blickwinkel verschiebender Eingriff in einem anderen eine Sache weniger Sekunden sind, so hinterlässt man doch mit jeder – jeder! – Änderung auch seine Spuren im System. Wer glaubt, einen ihm unliebsamen Artikel ein wenig umbiegen zu können, ohne dabei beobachtet zu werden, der irrt.
Denn was manchen Bearbeitern nicht klar zu sein scheint ist, dass jeder Eingriff und jede Veränderung der Wikipedia penibelst protokolliert wird. Sämtliche Versionen und Bearbeitungsstufen eines Artikels stehen jederzeit auf Mausklick zur Verfügung, Änderungen von Version zu Version werden in einer speziellen Vergleichsansicht rot markiert und jede Fassung lässt sich jederzeit mit wenigen Handgriffen wiederherstellen.
Dabei werden der Name des Bearbeiters gespeichert, die Uhrzeit der Änderung und, natürlich, die Änderung selbst. Wenn sich der Bearbeiter nicht eingeloggt und anonym eingegriffen hat, merkt sich die Datenbank die IP-Adresse. Und nicht nur das – mit einem Klick auf die IP-Adresse kann man einen so genannten “reverse lookup” durchführen, also ermitteln, wem diese IP-Adresse zugeordnet ist.
Während Privatpersonen fast immer über einen Massenprovider wie T-Online & Co. mit einer dynamischen IP-Adresse online sind, die keine weiteren Rückschlüsse erlaubt, sitzen die Mitarbeiter in großen Unternehmen oder in Behörden oftmals an Rechnern mit eindeutig zuordbaren Adressenpool.
Mit dem nun auch für die deutsche Wikipedia verfügbaren Wikiscanner (genauer: “Auflistung von Wikipedia-Artikeln, die von nicht angemeldeten Personen aus Netzwerken interessanter Organisationen geändert wurden”) wird die Identifikation anonymer IP-Adressen jetzt automatisiert. So fallen kleine und größere manipulierende Eingriffe sehr viel schneller auf.
Hierzu drei willkürlich herausgegriffene Beispiele:
- Am 30. Juni 2006 um 12.18 Uhr wurde von der IP-Adresse 153.100.131.14 der Artikel “Kernkraftwerk Biblis” bearbeitet und unter anderem eingefügt, Biblis sei “ein Meilenstein in punkto Sicherheit”. Die IP-Adresse gehört zur RWE AG, Essen.
- Am 20. Oktober 2006 wurde um 11.27 Uhr von der IP-Adresse 195.145.81.74 der Artikel zum Audi MMI um die Behauptung erweitert, das MMI lasse sich “nicht intuitiv bedienen”, was zur Folge habe, dass der Fahrer “den Blick von der Straße abwenden” müsse. Die IP-Adresse gehört zum Adressenpool der BMW AG, München.
- Am 11. Mai 2007, 18.33 Uhr, wurde von der IP-Adresse 217.9.102.2 ein kritischer Satz aus dem Artikel zur Sixt AG gestrichen. Die IP-Adresse gehört, wenig überraschend, zum Netzwerk der Sixt GmbH & Co Autovermietung KG, Pullach.
Diese drei Eingriffe sind übrigens typisch für die meisten Versuche, den Artikelbestand der Wikipedia zu manipulieren. Hier handelt es sich wohl kaum um konzertierte Aktionen der Betroffenen, als vielmehr um ein wenig übereifrige Mitarbeiter, denen am Ende noch nicht einmal bewusst ist, wie problematisch ihre Eingriffe sind. Denn wüssten sie das – würden sie dann wirklich mit eindeutig identifizierbaren IP-Adressen aktiv werden?
