Google und der Rest

Donnerstag, 21. Dezember 2006, 12.52 Uhr | Giesbert Damaschke

Es dürfte inzwischen kaum noch einen Internet-Anwender geben, dem der Name Google unbekannt wäre. Vielfach wird Google wie selbstverständlich als Start- und Zugangsseite benutzt.

Kürzlich unterhielt ich mich zum Beispiel in einer Kneipe mit einem anderen Gast über einen alten Film. Das Gespräch nahm bald die typische Wendung: „Der Film ist doch von, äh, na, wie hieß der doch gleich, ach, Sie wissen schon – der hat doch auch diesen anderen Film gedreht, mit – jetzt komm’ ich nicht auf den Namen …“ – mein Namensgedächtnis ist wirklich nicht sehr gut.

„Na, dafür gibt es ja glücklicherweise die IMDB“, tröstete ich mich und mein Gegenüber. Der sah mich verdutzt an und meinte „Was ist denn die IMDB? Ich nehm’ da immer Google.“

Ich erklärte ihm, dass IMDB die Abkürzung für „Internet Movie Database“ und das größte Film-Lexikon im Internet (und wohl auch darüber hinaus) ist. Für alle Fragen rund um Filme ist die IMDB die erste und beste Anlaufstelle. Im Gegenzug erklärte mir mein Gesprächspartner, wie er nach Informationen sucht: Er tippt einfach alles in Google ein und guckt nach, was dabei heraus kommt. Für ihn ist Google einfach das größte Lexikon der Welt. Dass Google überhaupt keine eigenen Informationen bietet, sondern nur den geordneten Zugang zu diesen, ist ihm überhaupt nicht bewusst – und letztlich auch völlig egal. Entscheidend ist für ihn letztlich nur, dass er findet, was er sucht.

Die Frage ist allerdings, ob man durch Google tatsächlich findet, was man sucht – oder ob man am Ende nicht einfach nur glaubt, man hätte gefunden, was man sucht, weil etwas anderes in Google nicht verzeichnet ist.

Je erfolgreicher Google mit dem Vorhaben ist, das Wissen der Welt zu organisieren und zugänglich zu machen, desto größer ist paradoxerweise die Gefahr, dass das Vorhaben auf fatale Weise nach hinten los geht. Dann nämlich, wenn Informationen, die von Google nicht oder auf sehr abgelegenen Positionen verlinkt sind, von der Internet-Nutzern nicht mehr wahrgenommen werden. Was nicht in Google verzeichnet ist, existiert dann nicht mehr. So würde Google am Ende Wissen nicht zugänglich machen, sondern zum Verschwinden bringen.

Das klingt ein wenig übertrieben, aber diese und ähnliche Befürchtungen werden in letzter Zeit immer häufiger geäußert und manche europäischen Kulturpolitiker und Bibliothekare menetekeln finster vor sich hin.

Zwar glaube ich nicht, dass mit Google nun der Untergang des Abendlandes und die Amerikanisierung des Wissens eingesetzt hat – so, wie man den Umgang mit den Ressourcen einer Bibliothek erst lernen muss, so muss man auch den Einsatz von Google (und anderer Suchmaschinen, Lexika und Navigationshilfen) lernen.

Trotzdem fände ich es natürlich sehr begrüßenswert, wenn sich ein europäisches Gegengewicht zur Google-Dominanz bilden würde. Konkurrenz belebt auch das Wissensgeschäft und ein europäischer Ansatz auf dem Suchmaschinenmarkt könnte neue Akzente setzen.

Deshalb habe ich das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt namens „Quaero“ auch mit Interesse verfolgt – trotz der eher unangenehm nationalistischen Untertöne und trotz des eher einfallslosen Plans. Denn statt Google durch neue Ideen und Ansätze herauszufordern, sollte Quaero im Grunde Google einfach nur nachmachen.

Doch das spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr, denn Quaero ist gescheitert. Zumindest als Gemeinschaftsprojekt: In Frankreich läuft Quaero unter seinem alten Namen und mit dem alten Konzept weiter – man will das „amerikanische Google“ gewissermaßen durch ein „französisches Google“ ersetzen. Die deutschen Projektteilnehmer machen dagegen unter dem Namen „Theseus“ weiter und wollen sich vor allem der „semantischen Suche“ widmen. Eine Suchmaschine soll „verstehen“, was der Anwender sucht, nicht nur identisch geschriebene Suchbegriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen finden.

Da allerdings beide Projekte, wenn schon nicht an Ideen-, so doch an Geldmangel leiden, sehe ich da wenig Chancen, dass aus Quaero oder Theseus jemals mehr werden wird, als vielleicht ein paar interessante Pilotprojekte – die am Schluss von Google kurzerhand aufgekauft werden.