Emsdetten und anderswo
Ein junger Mensch, der schwer bewaffnet Amok läuft und grundlos auf seine Mitschüler schießt, ist, ob in Littleton, Erfurt oder Emsdetten, eine zutiefst verstörende Erscheinung.
Im Erschrecken über die Tat wächst die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen, die das Unerklärliche aus unserer Alltagserfahrung möglichst rückstandslos entsorgen. Die Verstörung wird vakuumverpackt, isoliert und aus dem Blickfeld geschoben. Aus den Augen, aus dem Sinn. Bis zum nächsten Mal.
Die öffentlichen Reaktionen auf das Geschehen in Emsdetten waren daher kaum überraschend. Wie immer wird ein komplexes Beziehungsgefüge, auf das wir alle nur einen sehr fragmentarischen Blick von außen werfen können, auf einen sehr einfachen Nenner gebracht. Natürlich sind die „Killerspiele“ schuld, dass ein junger Mann keinen anderen Ausweg sah, als sich in letaler Inszenierung in den Tod zu fantasieren.
Schon wird der Ruf nach einem Verbot der angeblichen Ursache laut, ohne dass überhaupt klar wäre, was genau ein „Killerspiel“ auszeichnet und was genau man da eigentlich verbieten will. (Meine Erfahrungen sind da zwar eher bescheiden, doch ich würde keinen der mir bekannten Ego-Shooter als „Killerspiel“ bezeichnen.)
Aber darum geht es letztlich auch nicht, man braucht nur einen einfachen, plakativen und griffigen Begriff, auf den man die rätselhafte und erschreckende Tatsache bringen kann. Es ist ein Zauberspruch, der den Schrecken bannt, die Verbotsforderung kaum mehr als eine Voodoo-Beschwörung, die das Geschehen ungeschehen machen soll.
Ich weiß nicht, warum in Emsdetten ein junger Mann versucht hat, seine Mitschüler zu töten und sich schließlich selbst erschossen hat. Aber ich weiß, dass es so einfach, wie wir es gerne hätten, nicht zu erklären sein wird.
