Emotionale Bindung

Montag, 12. Dezember 2005, 15.26 Uhr | Giesbert Damaschke

Als regelmäßiger Leser von PC-Business Know How! wissen Sie, dass ich seit Jahren einen so genannten PDA mit mir herumtrage. Mein erster “Personal Digital Assistant” war ein Palm V, es folgte ein Sony Clié T675C und derzeit befindet sich ein Tungsten E2 in meiner Jackentasche.

Ein Kollege, zu dessen beruflicher Ausrüstung ein “Blackberry” gehört, fragte mich, warum ich eigentlich immer noch so einen veralteten PDA dabei hätte. Gute Frage. Denn wenn auch der E2 zwar ein relativ neues Gerät ist, so ist er doch aus der Blackberry-Perspektive natürlich längst obsolet. Anders als der Blackberry kann der E2 nämlich nicht ohne Handy-Hilfe ins Internet, was die mobilen Einsatzmöglichkeiten natürlich erheblich einschränkt.

Nun könnte ich natürlich aufzählen, was für wichtige Dinge ich mit dem Gerät erledige, warum es unentbehrlich ist und warum ich die fehlenden Online-Fähigkeiten des E2 nicht allzusehr vermisse (zumindest nicht, solange das mobile Online-Dasein solche Unsummen verschlingt wie bisher).

Doch so richtig diese Antwort wäre – sie bliebe doch auch gleichzeitig immer unvollständig und falsch. Denn unter reinen Nützlichkeitserwägungen hat mein Kollege völlig recht: Aufgaben, Termine und Adressen kann ich auch mit dem Handy verwalten und für Notizen zwischendurch reicht ein kleines Notizbüchlein (das sich ebenfalls in meiner Jackentasche befindet) nicht nur aus, es ist einem elektronischen Gerät auch noch hier und da erheblich überlegen. Um nur ein Beispiel aus der Praxis von vielen zu nennen: Wenn mir mein PDA hinfällt, kann er kaputt gehen und unbrauchbar werden, mein Notizbuch ist praktisch unverwüstlich.

Nüchtern betrachtet scheint mein PDA tatsächlich mehr oder weniger nutzlos. Und wenn ich ihn nicht deshalb dabei habe, weil ich ihn zwingend brauche – warum dann?

Ganz einfach: Weil ich ihn mag. Weil es sich dabei um ein Stück elegante Technologie handelt, das ich gerne dabei habe, mit dem ich gerne herumspiele und mit dem ich, wenn es denn sein muss, auch gerne arbeite. Entsprechend sieht die Nutzung meines Tungsten auch aus.

Natürlich werden hier eine Menge beruflich relevanter Dinge notiert, verwaltet und erledigt – aber am häufigsten rufe ich kleine Spielchen zwischendurch auf. Die Aufgabenliste fungiert auch als Einkaufszettel oder zur Organisation privater Angelegenheiten, mit der Tabellenkalkulation des office-kompatiblen “Documents To Go” verwalte ich überwiegend private Ausgaben, die ebenfalls professionelle Datenbank “Smartlist” dient mir hauptsächlich zur Planung meiner Kino-Besuche und im E-Reader halte ich zwar auch nützliche Nachschlagewerke parat, rufe ihn aber eigentlich nur zur privaten Lektüre auf.

Kurz: Hier fließen berufliche und private Nutzung untrennbar zusammen, mit einem deutlichen Übergewicht der privaten Anwendungen.

Meinem Blackberry-Kollegen geht es da grundlegend anders, der nimmt seinen mobilen Begleiter nämlich, wie er zugab, “nur in die Hand, wenn es sich nicht vermeiden lässt”, meistens aber läge der Blackberry ungenutzt herum oder säße im Ladegerät.

Und genau an diesem Punkt sind die Palm-PDAs lange Zeit allen anderen Lösungen weit überlegen gewesen: Sie waren nicht nur nützlich, sie waren angenehm.

Wie bei Apple hat man auch bei Palm verstanden, warum Ergonomie und Eleganz eines Arbeitsgerätes mindestens so wichtig sind wie seine nackte Nützlichkeit. Da kann es nicht überraschen, dass Apples Chef-Designer Jonathan Ive die emotionale Verbindung von Mensch und Maschine als wichtigstes Design-Ziel formulierte: “Unser Ziel ist es, ein Produkt zu schaffen, das die Leute lieben.”

Der Anwender soll eine emotionale Bindung zu seinem digitalen Begleiter entwickeln. Denn nur so macht die Arbeit an dem Gerät Spaß und nur so wird der PDA zu einem Gegenstand, den man gerne mitnimmt – und nur, wenn man seinen PDA dabei hat, kann man ihn auch wirklich nutzen. Erst wenn private und berufliche Nutzung des Gerätes verschmelzen, erst dann entfaltet ein PDA sein wahres Potential – und erst dann ist sein Einsatz wirklich effizient und nützlich.

Denn was nützt es, wenn ein Unternehmen seinen Mitarbeitern einen modernen Blackberry zur Verfügung stellt, wenn die Mitarbeiter mit dem Gerät nicht arbeiten möchten und es nur widerwillig einsetzen?