Ein Fall für Howard Stringer; oder: Wie sich Sony das Geschäft mit MP3 vorstellt
Der Elektronik-Konzern Sony hat in den letzten Monaten nicht immer für positive Schlagzeilen gesorgt und bot vielfach ein ehr zögerliches bis übervorsichtiges Bild. Nein, das sage nicht ich, das sagte Howard Stringer, seines Zeichens CEO von Sony, auf der CES in Las Vegas sein.
Man sei, so Stringer, in der Vergangenheit nicht risikofreudig genug gewesen, habe so wichtige Entwicklungen wie MP3 oder LCD verpasst und es versäumt. Das solle sich in Zukunft ändern. In Zukunft soll Sonys Trends setzen und ihnen nicht hinterherlaufen. Das klingt gut und ich habe auch gleich einen Fall, bei dem Stringer seinen Willen zur Veränderung unter Beweis stellen kann.
Als vor einigen Tagen die Meldung die Runde machte, dass nun auch Sony von seinen kopiergeschützten Formaten zum offenen MP3-Format wechseln und als letztes großes Musiklabel endlich DRM-freie Musik anbieten würde, war die Überraschung groß. Doch in der Freude, dass nun die letzte DRM-Festung gefallen sei, hatte man die Rechnung ohne die seltsame Weltsicht der Sony-Manager gemacht.
Anders als in anderen Menschenköpfen malt sich in ihren Köpfen die Welt: Während EMI, Universal und Warner digitale Musik in Form hochaufgelöster, verbraucherfreundlicher MP3-Dateien via Amazon und anderen Anbietern verkaufen und auch die großen Klassik-Label auf das offene Format setzen, schlägt Sony hier einen – nun, sagen wir einmal: sehr eigenwilligen Weg ein.
So stellt man sich bei Sony das Geschäft mit MP3-Dateien vor:
- Zuerst muss man sich im Handel für rund 13 US-Dollar ein Plastikkärtchen namens “Platinium Musicpass” kaufen.
- Diese Karte trägt man nach Hause, wo man eine Zugangscode auf der Karte freirubbelt.
- Mit diesem Code kann man dann auf einer bestimmten Webseite MP3-Dateien von Sony herunterladen.
Dabei hat man, halten Sie sich fest, eine Auswahl von sage und schreibe – 37 Alben. In Worten: Siebenunddreißig. Das macht, großzügig gerechnet, rund 400 Songs. Zum Vergleich: Andere MP3-Anbieter haben zwei, drei Millionen Songs im Programm.
Das ganze ist ein derart absurdes Verfahren, dass man sich fragt, wie vernagelt man sein muss, um auf eine so gänzlich lächerliche Aktion zu verfallen. Entweder sind die Manager bei Sony ganz unglaublich weltfremd – oder aber (und das halte ich für die wahrscheinlichere Erklärung) man will mit MP3 scheitern, um am bisherigen System nichts ändern zu müssen.
Wie auch immer: Mr. Stringer, übernehmen Sie!
