Die virtuelle Litfaßsäule
Seit es das Internet durch den Siegeszug des World Wide Web die engen Uni- und Behörden-Zirkel verlassen hat und kommerzielle Anbieter aktiv wurden, denkt man darüber nach, wie man mit dem neuen Medium Geld verdienen kann bzw. ein Angebot im Internet finanziert bekommt.Als das weiträumig erfolgreichste Finanzierungsmodell hat sich, wie bei Print, Rundfunk und TV auch, der Verkauf von Anzeigen erwiesen. Und wie bei den traditionellen Medien arbeiten auch Webseiten und vergleichbare Angebote nach denselben Prinzipien.
Im Idealfall zieht eine Webseite durch ihren Inhalt und ihre Aufbereitung wie ein Magnet einen ganz bestimmten Nutzerkreis an und filtert so aus der unüberschaubaren Masse an Websurfern eine genau definierte Zielgruppe aus. Werbetreibende können nun exakt auf diese Zielgruppe zugeschnittene Angebote erstellen und so genau da werben, wo sie ihre potentielle Kunden optimal erreichen.
Kurz gesagt: Wer Autozubehör bewerben will, der tut dies am besten auf einer Auto-Webseite, wer einen Modelleisenbahn verkaufen möchte, der schaltet normalerweise keine Anzeige in Frauenmagazinen.
Doch damit ist es natürlich noch nicht getan, neben der Zielgruppe einer Website spielt ihre Reichweite eine große Rolle. Was nützt schließlich eine perfekte Ausrichtung auf eine Zielgruppe, wenn die Webseite nur von 5 Leuten am Tag angeklickt wird, die nie eine Anzeige beachten, geschweige denn etwas kaufen?
Außerdem gibt es natürlich zahlreiche Produkte, die sich nicht an eine kleine, exakt definierte Zielgruppe richten, sondern eher an die Allgemeinheit. In diesem Fall wird die Reichweite zum vielleicht wichtigsten Argument für eine Webseite.
Kein Wunder, dass die Betreiber von Webseiten nichts unversucht lassen, den Bekanntheitsgrad und die Klickrate ihrer Webseite zu steigern. Dabei entwickeln manche Leute nicht nur eine erstaunliche Phantasie, sondern beweisen auch, dass man mit einer pfiffigen Idee Geld verdienen kann, ohne mehr als ein paar Euro investieren zu müssen.
Der 21-jährige Alex Tew aus Wiltshire, England, hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, eine Million Dollar zu verdienen, in dem er eine Million Pixel für je einen Dollar verkauft. Er hat eine Domain angemeldet und eine leere Webseite aufgesetzt, die gewissermaßen als virtuelle Litfaßsäule dient. Hier kann jeder einen beliebigen Werbebanner beliebiger Größe platzieren und zahlt pro Pixel einmalig einen Dollar.
Die Webseite, die Tew sinnigerweise auf den Namen “The Million Dollar Homepage” getauft hat, bietet keine anderen Inhalte als diese Werbebanner.
Gut möglich, dass die ersten Kunden einfach nur eine witzige Idee unterstützen wollten und für ein paar Hundert Euro eine kleine Grafik platzierten. Doch damit setzte sich eine Art Perpetuum Mobile der Werbung in Bewegung. Die Aktion sorgte für einiges Aufsehen im Internet, die Zugriffszahlen stiegen, was sie für Werbetreibende interessant machte. Je mehr Anzeigenkunden sich fanden, desto mehr Aufmerksamkeit erhielt die Seite, je mehr Aufmerksamkeit sie erzielte, desto interessanter wurde sie für Werbetreibende – und so fort.
Inzwischen ist die Seite ziemlich voll und wer hier noch werben will, muss schon nach freien Plätzen suchen. Nach eigenen Angaben hat Tew bereits über 850.000 Pixel verkauft, also über 850.000 Euro eingenommen. Wohlgemerkt – mit nicht mehr als einer pfiffigen Idee.
Einziger Haken an einer Aktion wie der “The Million Dollar Homepage” ist, dass sie nur einmal funktionieren und sich aus ihnen letztlich nichts lernen und auch nichts übernehmen lässt. Ihr Erfolg gründet sich auf eine clevere Idee – und ihre Einmaligkeit. Zwar kann man als Trittbrettfahrer ein wenig von dem Wirbel profitieren, den das Original auslöst, aber als tragfähiges Geschäftsmodell taugt dergleichen natürlich nicht.
Immerhin: Alex Tew hat bewiesen, dass man im Internet auch auf ungewöhnlichen Wegen erfolgreich sein kann. Man muss sich halt nur etwas einfallen lassen.
