Die letzte Chance der Buch-Computer

Dienstag, 11. September 2007, 15.37 Uhr | Giesbert Damaschke

Seit gut 20 Jahren träume ich davon, einmal einen Buch-Computer in der Tasche zu haben, der schlechterdings alle Bücher und Texte in digitaler Form enthält, die ich lesen möchte – vom Fachbuch bis zum Krimi, von der Zeitung bis zum Klassiker.

Technisch wäre das heute kein Problem mehr. Mit HTML oder PDF stehen leistungsfähige Formate für elektronische Texte bereit, Speicherplatz ist in Tagen, in denen selbst Musikplayer mit 160-GB-Festplatten aufzuwarten wissen, wirklich kein Thema mehr, die Bildschirmtechnologie ist weit genug fortgeschritten, dass man Texte ermüdungsfrei lesen kann und auch die Akkus halten heute lang genug durch, um mit einem digitalen Buch so unabhängig und mobil zu sein, wie etwa mit einem Taschenbuch oder einer Zeitung. Außerdem kann man elektronische Bücher bei einem mild beleuchtetem Display auch im Dunkeln lesen.

Als Ende der 90er-Jahre mit dem Rocket E-Book ein dezidierter Buch-Computer auf den Markt kam, war ich guter Dinge, dass man Traum sich endlich erfüllen könnte. Sobald das Gerät auch hierzulande zu haben war, kaufte ich es sofort – und war sowohl begeistert als auch enttäuscht. Begeistert, weil das Rocket E-Book tatsächlich als elektronisches Buch funktionierte. Ich habe auf ihm Karl Mays “Schatz im Silbersee” und Fontanes “Effie Briest” an sommerlichen Abenden auf dem Balkon ohne Probleme gelesen. Enttäuscht war ich, weil das Gerät technisch viel zu wünschen ließ. Es hatte einen schlechten Bildschirm und war überdies klobig, schwer und elend langsam.

Aber daraus machte ich mir nichts – das Rocket E-Book war ein verheißungsvoller Anfang. Später stellte sich allerdings heraus, dass es gleichzeitig auch das Ende war. Zwar gab es Nachfolgemodelle, zwar gab es einige wenige vergleichbare Modelle anderer Hersteller, aber die Angebote konnten allesamt nicht überzeugen. Kurz gesagt waren sie zu teuer und zu schlecht. Obendrein erwuchs ihnen in den immer günstiger und besser werdenden Notebooks, PDAs und Smartphones eine starke Konkurrenz. Heute gibt es nur noch mit Sonys “Librie” einen namhaften Hersteller, der einen dezidierten Buch-Computer im Programm hat. Sony hat den Librie 2004 in Japan und 2006 in den USA eingeführt, in Europa gibt es das Geräte meines Wissens nach nicht.

Doch es wäre zu früh, aus den bisher eher mäßigen Erfolgen auf das Ende dieser speziellen Computer-Gattung zu schließen. Denn jetzt unternehmen zwei Schwergewichte der Branche einen neuen Versuch. Und dieses Mal könnte es klappen.

Der eine Partner ist Amazon. Im Oktober, so meldet die “Welt” unter Berufung auf die “New York Times”, will der weltweit führende Online-Shop für Bücher und CDs einen speziellen Lesecomputer namens “Kindle” auf den Markt bringen. Der soll – im Unterschied zu früheren Modellen – onlinefähig und damit in der Lage sein, digitale Texte direkt von Amazon zu beziehen. Das Rocket E-Book und seine Nachfolger brauchen dafür zwingend einen PC. Das andere Schwergewicht ist, wie sollte es anders sein, Google. Während sich Amazon um die Strukturen und die Hardware kümmert, steuert Google seinen enormen Bestand an digitalen Büchern bei.

Dieses Mal haben sich also zwei Unternehmen zusammengeschlossen, die über langjährige Erfahrung im Internet verfügen, eine erfolgreiche Firmengeschichte vorweisen können und überdies genügend Ressourcen haben, um das Projekt zu stemmen.

Wenn der Buch-Computer noch eine Chance auf dem Markt haben soll: hier ist sie. Vielleicht wird mein Traum ja doch noch wahr.