Die Internet-Legende

Donnerstag, 28. Dezember 2006, 22.32 Uhr | Giesbert Damaschke

Am Dienstag bebte an der Küste Taiwans die Erde. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, 45 wurden verletzt und es entstand großer Sachschaden. Dazu gehört auch eine Störung der im Meeresboden versenkten Datenkabeln. Konsequenz: Das Internet und die Telefondienste im asiatischen Raum brachen zum Teil völlig zusammen, zum Teil wurden sie extrem verlangsamt.

Die Reparaturen sollen zwei bis drei Wochen dauern. Bis dahin muss man sich mit den Notsystemen behelfen oder auf andere Kommunikationswege ausweichen. Die Konsequenzen für die asiatische Wirtschaft sind derzeit schwer abzuschätzen, wobei Unternehmen, die auf den reibungslosen Verkehr aktueller Daten angewiesen sind – wie etwa Börsen oder Banken – besonders stark betroffen sind.

In den Kommentaren zu diesem Vorfall stößt man immer wieder auf eine der zählebigsten Legenden zum Internet. Dieses soll angeblich vom US-Militär mit dem Ziel entwickelt worden sein, ein Kommunikationssystem aufzubauen, das durch seine dezentrale Struktur praktisch unzerstörbar sein sollte. Oft wird dieser Gründungsmythos auf die Formel gebracht, das Internet könne selbst durch einen Atombombenabwurf nicht zerstört werden – genau dafür sei es schließlich gebaut worden.

Diese Legende ist, wie viele Legenden, zu einem kleinen Teil wahr, zum größten Teil allerdings einfach nur Unfug und soll hier noch rasch zum Jahresende wenigstens ein klein wenig berichtigt werden.

Zwar stimmt es, dass die Entwicklung des Internet teilweise mit Geldern aus der militärischen Forschung finanziert wurde, aber weder war das Internet ein militärisches Projekt noch hatte es jemals zum Ziel, eine atombombensichere Kommunikation zu gewährleisten. Es ging lediglich darum, die knappen, verfügbaren Rechnerressourcen an Universitäten und in Forschungszentren möglichst optimal zu nutzen. Im Grunde ist das Internet ein überwiegend mit amerikanischen Steuergeldern finanziertes Uni- und Forschungsprojekt, dessen Entwicklung und Aufstieg zum dominierenden Kommunikationsinstrument unserer Zeit niemand auch nur geahnt hatte.

Die Geburtsstunde des Internet schlug vor knapp 40 Jahren im Oktober 1969. Damals wurde zum ersten Mal eine Verbindung zwischen zwei weit entfernten Computern aufgebaut. Der eine stand in Los Angeles, der andere im rund 520 Kilometer entfernten Forschungszentrum in Stanford. Aus diesem bescheidenen Anfang entwickelte sich zuerst einigermaßen kontrolliert, dann zunehmend im Wildwuchs bis zu den heute nicht mehr überschaubaren Wucherungen ein weltballumspannendes Netzwerk, bei dem man nicht weiß, worüber man mehr staunen sollte – seine schiere Größe oder dass es überhaupt funktioniert.

Nicht der Ausfall des Systems ist bemerkenswert – der ist im Grunde normal und erwartbar. Sondern die Tatsache, dass sich ein derart komplexes, leistungsfähiges und belastbares Netzwerk aus dazu scheinbar völlig ungeeigneten Bausteinen entwickelt hat: Keines der im Netz zentralen Protokolle war jemals für ein Netzwerk dieser gigantischen Größe gedacht.

Dabei erweist sich das Internet erweist sich auch bei einer schweren Störung wie dem Beben vor Taiwan als ein erstaunlich stabiles Gebilde. Es ist zwar nicht bombensicher, aber außerordentlich zäh. Denn wenn auch das Netzwerk im asiatischen Raum für einige Zeit zusammenbrach, so wurden doch in kurzer Zeit zahlreiche Notlösungen und Alternativen aktiviert, die die Grundfunktionalität des Netzes sicherstellen. Es läuft alles sehr viel langsamer – aber es läuft.