Die Geldsorgen der Wikipedia

Freitag, 1. September 2006, 13.07 Uhr | Giesbert Damaschke

Wenn man eine Überschrift liest, wie die, die über diesem Beitrag steht,  dann liegt die Vermutung nahe, das große und lobenswerte Lexikon-Projekt “Wikipedia” stecke finanziell in der Klemme und brauche dringend Geld.

Doch bevor Sie nun in Spendierlaune eilends die Webseiten der Wikipedia aufrufen, um das unterstützenswerte Projekt flugs zu unterstützen, lassen Sie mich die Überschrift rasch erläutern.

Es ist nämlich das genaue Gegenteil der Fall – die Wikipedia (oder genauer: ihr deutscher Ableger) hat nicht zu wenig, sondern zu viel Geld. Die Geldsorgen der Wikipedia bestehen darin, dass man nicht weiß, wohin mit den ganzen Spenden. Das klingt auf Anhieb zwar etwas absurd, erklärt sich aber relativ einfach.

Der deutsche Ableger der Wikipedia wird vom gemeinnützigen, eingetragenen Verein Wikimedia e.V. betrieben. Dieser Verein hat die Nutzer der Wikipedia in der Vergangenheit immer wieder zu Spenden aufgerufen, um das Wikipedia-Projekt zu unterstützen. Und gespendet wurde reichlich. Allein im letzten Jahr nahm der Wikipedia e.V. über 120.000 Euro ein.

Das ist natürlich sehr erfreulich – für den Verein, für das Projekt und erst recht für die Nutzer, denen die Wikipedia immer wieder hilfreich zur Seite steht.

Doch die Sache hat einen fast schon skurrilen Haken. Der Wikimedia e.V. kann das gespendete Geld nicht so ohne weiteres ausgeben. Nur rund 12 Prozent verbrauchte man für Reisekosten, Veranstaltungen oder Rechtsberatung. Der Rest wanderte aufs Sparbuch (wo er fleißig Zinsen bringt). Das Vorhaben, den Überschuss einfach an die Wikipedia-Dachorganisation in den USA zu überweisen, scheitert am deutschen Recht. Ein gemeinnütziger Verein darf Spenden auch nur für gemeinnützige Zwecke des Vereins ausgeben,  eine Weitergabe, so zitiert die Süddeutsche Zeitung aus einem beamtlichen Schreiben, sei “nicht zulässig”.

Obendrein kann man die Spenden nicht einfach als Reserve für schlechte Zeiten auf der hohen Kante liegen lassen. Es gibt zwar keine eindeutige Frist für die Verwendung von Spendengeldern, aber eine unbefristete Sparanlage wird vom Finanzamt auch nicht geduldet.

Kurz: Der Wikimedia e.V. muss die gespendeten Gelder möglichst zügig ausgeben, oder es droht die Aberkennung der Gemeinnützigkeit, was wiederum das Ende der deutschen Wikipedia bedeuten könnte.

Doch keine Sorge, man hat eine Lösung gefunden. Zum einen wird man einen großen Batzen der Spenden in den Ausbau der Serverkapazitäten stecken, wodurch sich etwa die Antwortzeiten der Wikipedia deutlich verbessern werden. Zum anderen wird man sich einen hauptberuflichen Geschäftsführer leisten, was der Professionalität des Unternehmens zugute kommen wird.

In Zukunft wird man Spendenaufrufe wohl erst dann starten, wenn man weiß, wie man das gespendete Geld auch ausgeben kann.

Bleibt nur zu hoffen, dass die bisherigen Spender jetzt nicht verschnupft sind und beim nächsten Mal, wenn der Verein dann wirklich wieder Geld braucht, beleidigt abwinken. Denn schließlich möchte wohl niemand, dass die heutige Überschrift eines Tages tatsächlich so verstanden werden muss, wie man sie auf Anhieb versteht.