Der Sprachlabor-Faktor

Freitag, 7. Dezember 2007, 10.53 Uhr | Giesbert Damaschke

Das Thema “Schule und Computer” beschreibt ein schwer überschaubares und kaum passierbares Gelände. Nicht nur, weil die technischen, logistischen und, natürlich, finanziellen Probleme sehr groß sind, sondern auch, weil hier unweigerlich kommerzielle Begehrlichkeiten ins Spiel kommen, versprechen sich doch viele Unternehmen lukrative Aufträge, verbunden mit der Möglichkeit, aus jungen Menschen künftige Kunden machen zu können.

Hier sollte man als Schule (und, in der Hierarchie weiter oben angesiedelt, als Bildungspolitiker) seinen Kurs sehr sorgfältig überlegen, können aus einem anfangs sinnvoll scheinendem Sponsoren-Bündnis doch mittelfristig unvorhergesehene Abhängigkeiten entstehen.

Wenn sich etwa die Telekom stark beim gemeinnützigen Verein “Schulen ans Netz” engagiert, dann spielt es sicherlich eine Rolle, dass ein Konzern dieser Größe auch eine gesellschaftliche Verantwortung trägt. Aber dass man gleichzeitig auch von der Möglichkeit motiviert wird, den Slogan in “Schulen ans Netz der Telekom” konkretisieren zu können, lässt sich wohl kaum ernsthaft bestreiten.

Wenn sich Microsoft mit der Initiative “IT-Fitness” über die Ausstattung von Schulen mit PCs und Software den Kopf zerbricht und verschiedene Hilfen anbietet, dann tut der Konzern das nicht aus philanthropischen Motiven, sondern auch als Unternehmen, das in seinem sozialen Engagement die Möglichkeit sieht, die eigene Marktstellung weiter zu festigen. Es kann da kaum überraschen, dass unter “IT-Fitness” nicht der Einsatz von Linux-Maschinen und freier Software, sondern von Windows-PCs mit Microsoft Office verstanden wird.

Das klassische Beispiel für diese Zwickmühle ist das “Sprachlabor”, das in den 70er Jahren kurzfristig für kostspielige Furore sorgte. An Tonbandarbeitsplätzen, mit Kopfhörer und durch Kabinenwände von den anderen Schülern abgeschottet sollte man, so die Idee, Fremdsprachen durch vorgefertigte Sprachübungen vom Band und gelegentlicher individueller Betreuung via Kopfhörer besser und schneller lernen als im üblichen Klassenverband.

Warum nun ausgerechnet eine Sprache, die davon lebt, dass man sie mit anderen Menschen spricht, besser gelernt werden soll, wenn man von anderen isoliert in einer Kabine sitzt und nur eine abstrakte Stimme hört, das wird wohl auf ewig ein Geheimnis der Sprachlabor-Verfechter bleiben. Sicher scheint mir allerdings, dass die Hersteller und Installateure von Sprachlabor-Ausrüstungen die eigentlichen Gewinner dieser Idee waren – nicht die Schule und erst recht nicht die Schüler.

Daher sollte man die jüngste Studie, mit deren Ergebnissen die Microsoft nahe Initiative “IT-Fitness” an die Öffentlichkeit gegangen ist, nicht überbewerten. Befragt wurden 1001 Schüler nach dem Einsatz von Computern im Unterricht. Rund 28 Prozent setzen danach überhaupt keine Computer ein, 36 Prozent arbeiten an weniger als zwei Stunden in der Woche damit. Die Schüler kritisierten außerdem die mangelhaften Computer- und Internet-Kenntnisse ihrer Lehrer. 68 Prozent fanden ihre Lehrer in diesem Punkt “nicht gut”.

Das sind zwar ganz interessante Zahlen, aber weit davon entfernt, erhöhten Handlungsbedarf auszulösen. Dass Lehrer, die der älteren Generation angehören, sich mit Computern nicht so gut auskennen wie ihre jugendlichen Schüler, die mit dieser Technik aufwachsen, überrascht genau so wenig wie der relativ sparsame Einsatz von Computern. Denn schließlich kosten Computer viel Geld – Geld, dass man bei anderen Fächern einsparen müsste.

Und schließlich sollte man den Sprachlabor-Faktor nicht vergessen: So richtig es ist, dass die Schüler den Umgang mit der wohl wichtigsten Technologie unserer Zeit lernen, noch wichtiger ist der Umgang mit Menschen und das Erlernen sozialer Kompetenzen.

Und dabei hilft kein Computer, ganz gleich, mit welchem Betriebssystem er läuft. Die Schule dient nicht nur in erster Linie, sondern einzig und allein den Schülern -: nicht den Computer-Herstellern.