Der Spiegel öffnet sein Archiv

Donnerstag, 20. Dezember 2007, 19.52 Uhr | Giesbert Damaschke

Rechtzeitig zu Weihnachten kündigt der Spiegel Verlag ein besonderes Geschenk an: im Frühjahr 2008 will man das gesamte Spiegel-Archiv via Internet verfügbar machen. Kostenlos. Dann wird es etwa möglich sein, in allen Spiegel-Ausgaben seit 1947 zu recherchieren und in verschiedenen Wörterbüchern und Lexika aus dem Hause Bertelsmann nachzuschlagen (Bertelsmann ist über seine Verlagstochter Gruner+Jahr mit 25,5 Prozent am Spiegel-Verlag beteiligt).

Das heißt, ein wirkliches Geschenk ist dieses Kostenlos-Angebot natürlich nicht, eher der erneute Versuch, das bislang scheintote Archiv-Kapitel in klingende Münze zu verwandeln.

Denn das bisherigen Modell “paid content” (bezahlte Inhalte, kostenpflichtiger Zugriff) kann wohl (nicht nur beim Spiegel) endgültig als gescheitert betrachtet werden.

Bislang muss man für den Online-Zugriff auf das Spiegel-Archiv bezahlen. Ein gelegentlicher Artikel-Abruf kostet ein paar Cent, ein Dossier zu einem Thema gibt es für ein paar Euro und Vielnutzer können über eine Rabatt-Karte oder die Archiv-Flatrate pauschal bezahlen und sparen.

In Zukunft spart man noch mehr und zahlt für den Inhalt überhaupt nichts mehr. Im Gegenzug wird die bislang anzeigenfreie Archiv-Zone mit Anzeigen wohlbestückt werden. Über die Anzeigeneinnahmen verspricht man sich beim Spiegel-Verlag deutlich höhere Erlöse als über den bisherigen kostenpflichtigen Zugriff.

Dabei ist die Öffnung des Spiegel-Archivs wohl erst der Anfang. Geplant ist der Aufbau der “umfassendsten frei zugänglichen Rechercheplattform im deutschsprachigen Internet”.

Damit folgt der Spiegel-Verlag gleich zwei Trends auf einmal. Zum einen ist die kostenlose, werbefinanzierte Bereitstellung digitaler Archive in den USA fast schon Standard, zum anderen hat der erstaunliche Erfolg der Wikipedia gezeigt, dass die Leute das Internet nicht nur als buntes Spaß- und Flirt-Medium nutzen, sondern auch als ständig verfügbares, unerschöpfliches Universal-Lexikon zu allen möglichen Themen.

Der Spiegel-Verlag hat dank seiner genuinen Inhalte hier sicherlich eine sehr gute Startposition – auch wenn die breitbeinige Selbstgewissheit des Geschäftsführer des Spiegel-Verlages Mario Frank schon von atemberaubender Arroganz ist. Der nämlich behauptet kurzerhand, das geplante Angebot ermögliche es, “erstmals … alle relevanten Informationen zu einem Suchwort aus unterschiedlichen kompetenten Quellen mit einem Klick zu finden”.

Mit anderen Worten: Alles, was nicht im Spiegel steht, ist angeblich irrelevant. Da freut es einen doch, dass die Konkurrenz nicht schläft und der Spiegel-Verlag beim Kampf um den Wissenskuchen auf starke Gegner stoßen wird.

Nicht nur, weil auch andere Verlage umfangreiche Archive haben und mit Sicherheit nachziehen werden, sondern auch, weil Google in den Markt der Online-Lexika einsteigen wird. “Knol” heißt das neue Projekt, das von einigen Kommentatoren schon im Vorfeld als “Wikipedia”-Killer bezeichnet wird.

Doch zu diesem Thema ein anderes Mal mehr. Jetzt muss ich los, die letzten Weihnachtsgeschenke besorgen.