Der nächste Internet Explorer
Ankündigungen neuer Programmversionen machen sich in Pressemitteilungen immer sehr schön, entpuppen sich aber nur zu allzuoft als unverbindliche (oder auch strategische) Absichtserklärungen.
Das derzeit populärste Beispiel ist sicherlich Windows Vista, das mit mehr als fünfjähriger Verspätung auf den Markt kam. Aber auch bei den restlichen rund fünf Prozent des Marktes sieht es nur wenig besser aus. So hat Apple kürzlich die nächste Version von Mac OS X namens “Leopard” vom Frühjahr 2007 auf Oktober 2007 verschoben.
Jetzt ist wieder Microsoft an der Reihe, dieses Mal betrifft es den Internet Explorer. Da hat sich jahrelang überhaupt nichts getan, die Version 6 wurde sogar schon als “besser geht’s nicht” bezeichnet und die Entwicklung eingestellt. Bis Firefox und Opera zeigten, dass es durchaus besser geht, sehr viel besser sogar, und Microsoft erstaunt mitansehen musste, wie der IE6 kontinuierlich Marktanteile verlor.
Also besann man sich in Redmond eines besseren, überdachte noch einmal das Urteil über den IE 6 als Krone der Browserprogrammierkunst und machte sich erneut an die Arbeit. Das Ergebnis war der Internet Explorer 7, der in jeder Beziehung besser als der IE 6 ist und zu Firefox und Opera aufschließen konnte.
Und weil man gerade dabei und so schön im Schwung war, griff man bei den Ankündigungen beherzt in die Saiten. In Zukunft, so hieß es noch während der Arbeit am IE 7, werde der Internet Explorer kontinuierlich weiterentwickelt und jedes Jahr eine neue Version auf den Markt kommen. Mit diesem Versprechen hat man vielleicht die Konkurrenz eingeschüchtert und den Anwendern das Gefühl von Kontinuität und sicherem Aufgehobensein vermittelt – aber einhalten konnte man es nicht.
Da der Internet Explorer 7 Mitte Oktober 2006 frei gegeben wurde, müsste der IE 8 bereits im fortgeschrittenen Beta-Stadium sein, damit das Versprechen einer alljährlich neuen Version Wirklichkeit werden könnte.
Doch davon ist man bei Microsoft weit entfernt. Statt den IE 8 anzukündigen, widerrief man die vor fast genau einem Jahr gemachte Ankündigung der jährlichen IE-Updates.
Derzeit findet in Las Vegas eine Entwicklerkonferenz von Microsoft statt, auf der es auch um die Version 8 des Internet Explorers geht. Damit hat Microsoft zwar so einiges vor – aber nicht mehr in diesem Jahr. Der IE 8 ist erst für Oktober 2008 geplant; in Zukunft soll dann alle zwei Jahre ein neuer IE erscheinen (wer’s denn glaubt).
Dabei verfolgt Microsoft zwei Entwicklungsziele: Der Browser soll sicherer werden und die Webstandards besser unterstützten. Außerdem will man den Entwicklern mehr Schnittstellen bieten, um den IE besser in eigene Projekte einbinden zu können.
Gleichzeitig demonstrierte Microsoft, warum es eine gute Idee ist, sich an etablierte Standards zu halten. Das nämlich hat man in Redmond mit dem IE 6 ganz gezielt nicht getan, sondern versucht, die eigenen, proprietären Techniken und Besonderheiten als de-facto-Standard im Internet zu etablieren.
Dieser Versuch einer feindlichen Übernahme schlug zwar fehl, sorgte aber dafür, dass es im Internet zahlreiche Websites und in manchen Intranets Anwendungen gibt, die auf die proprietären Eigenheiten des IE 6 zugeschnitten sind und mit anderen Browsern nicht so recht funktionieren – auch nicht mit dem IE 7, der standard-konformer ist als der IE 6.
Dieser etwas desolate Zustand des Internet, der durch Microsofts Missachtung der Standards forciert wurde, muss nun pikanterweise als Argument dafür dienen, dass auch der IE 8 nicht vollständig kompatibel sein kann: schließlich müsse man Rücksicht auf den aktuellen Ist-Zustand des Internet nehmen, also ganz gezielt Fehler einbauen, damit fehlerhafte Seiten korrekt angezeigt werden.
Statt sich an die Standards zu halten, wird die durch deren Missachtung herbeigeführte unerfreuliche Situation als Rechtfertigung genommen, die Standards weiterhin zu missachten.
Angesichs dieser verqueren Logik ist es tröstlich, dass es hier nur um einen Webbrowser geht, zu dem es längst bessere Alternativen gibt.
