Der Klassik-Coup der DG

Dienstag, 11. Dezember 2007, 16.00 Uhr | Giesbert Damaschke

Wer an “Musik im Internet” denkt, der denkt fast unvermeidlich an Apples iTunes Store, an digitale Tauschbörsen, an Songs und Alben, die man herunterladen kann. Und er denkt wohl fast ausschließlich an Musik zwischen Pop und Rock.

Klassische Musik spielt dagegen nur eine vergleichsweise kleine, untergeordnete Rolle. Natürlich bekommen Sie im iTunes Store auch Musik von Bach bis Zemlinsky, aber die Auswahl ist doch eher dünn. Obendrein ist die Verwaltungsstruktur des Shops am klassischen Pop-Song orientiert, was bei Klassikeinspielungen nicht sonderlich sinnvoll scheint – wer kauft schon einen einzelnen Satz einer Sinfonie?

Doch die Klassik-Konzerne erkennen die Zeichen der Zeit und akzeptieren, dass auch ihr Publikum sich digitalisiert und ihre Wunschkonzerte gern aus dem Internet laden möchte.

Und so wächst das Angebot an klassischer Musik im Internet in der letzten Zeit fast sprunghaft an. Die Frankfurter Rundschau weiß auch prompt eine kleine Erfolgsgeschichte zu erzählen.

So hat EMI ein gefeiertes Mahler-Konzert bereits einen Tag später in digitaler Form bei Amazon und anderen Portalen angeboten. Obwohl die Verfügbarkeit dieser Einspielung nicht beworben oder rezensiert wurde, verkaufte sie sich in kürzester Zeit über 2.000 Mal. Das sei, so heißt es in der FR, “mehr, als von den meisten sinfonischen CDS in einem Jahr verkauft werden”. Offensichtlich also informieren sich die Klassik-Käufer inzwischen sehr genau über im Netz verfügbare Aufnahmen und es scheint Informationskanäle jenseits von Werbung und Zeitungsrezension zu geben.

Doch was die Deutsche Grammophon unlängst getan hat, kann als regelrechte Revolution gelten. Denn sie hat einen “internationalen Download-Shop für klassische Musik” im Netz eröffnet. Nicht nur in Eigenregie und unter Ausschluss der üblichen Verdächtigen wie Apple oder Amazon, sondern auch mit einem sehr attraktiven Angebot. Die Aufnahmen sind ein wenig teurer als bei Apple, aber dafür auch von besserer technischer Qualität. Und was noch wichtiger ist: sie liegen in Form völlig DRM-freier MP3-Dateien vor. Mit einem Schlag sind die Klassik-Aufnahmen der DG weltweit ohne Systemgrenzen und für jeden Player abrufbar.

Das ist nicht nur für die DG ein großer Schritt, mit dem man seine traditionelle Führungsrolle auf dem Klassik-Markt im Internet eindrucksvoll beansprucht, sondern auch für uns als Konsumenten ist der Eröffnung des Web-Shops eine wichtige Entwicklung. Selbst dann, wenn Sie überhaupt keine Klassik hören. Denn jedes erfolgreiche DRM-freie Angebot eines großen Plattenlabels ist ein überzeugendes Argument gegen die im DRM-Wahnsinn gefangene Inhalte-Industrie.