Das Ende der Visitenkarten (und warum ich mir trotzdem welche drucken lasse)
Kürzlich diskutierte ich mit Kollegen über Programme zur Erstellung von Visitenkarten. Beim Fachgesimpel über die jeweiligen Vor- und Nachteile, kam mir ein ketzerischer Gedanke: Vergesst es doch einfach, meinte ich und prostete meinen Kollegen zu – wer braucht denn heute überhaupt noch eine Visitenkarte?Das war natürlich eine provokativ zugespitzte Frage und meine Bekannten wollten auch prompt Einspruch erheben, also ließ ich sie erst gar nicht zu Wort kommen: Ob sie denn glaubten, dass die Digitalisierung unserer Kommunikation ausgerechnet vor Visitenkarten halt machen werde? In gar nicht so ferner Zukunft, so legte ich nach, werde man seine Kontaktdaten vollständig digital verwalten. Statt sich bedruckte Pappstückchen zuzustecken, die man doch nur verliert, werden die Kontaktdaten (am besten gleich mit Foto) von Smartphone zu Smartphone gefunkt und automatisch in die Datenbank auf dem PC übertragen. Und wenn man mal einen Kontakt partout nicht findet, gäbe es schließlich immer noch Google & Co.Wie zu erwarten, erntete ich heftigen Widerspruch. Da gab es die üblichen sentimentalen Gründe, die immer genannt werden, wenn es darum geht, dass lieb gewordene Gewohnheiten der Digitalisierung zum Opfer zu fallen droht.Eine Visitenkarte, hieß es da etwa, sei gestalterischer Ausdruck der Persönlichkeit, gewissermaßen der Papier gewordenen Abdruck der gesamten Person. Gegen dergleichen Gefühligkeiten lässt sich schwer argumentieren, also habe ich es erst gar nicht versucht und nur darauf hingewiesen, dass eine Visitenkarte, die diese Aufgabe erfüllen soll, als Teil eines Gesamtauftritts zusammen mit Firmenlogo und Briefpapier von einem Design-Profi gestaltet werden müsse. Dergleichen bastele man nicht als Amateur am PC mit einem Visitenkarten-Programm und solche kostspieligen Edel-Versionen könne man meinetwegen als die Ausnahme gelten lassen, die die Regel bestätigt.Gewichtiger waren da schon die ganz pragmatischen Argumente. Es sei völlig schnurzegal, ob ich persönlich Visitenkarten für überflüssig hielte – Tatsache sei, dass Visitenkarten bei vielen Veranstaltungen von vielen Leuten ganz einfach als selbstverständlich erwartet würden. Da gelte es nicht nur als unhöflich, kein Kärtchen dabei zu haben, man fliege als Journalist auch rasch aus dem Wahrnehmungsraster, wenn man sich nicht in Form einer Visitenkarte in Erinnerung rufen könne. Eine Karte sei schließlich präsenter als ein Eintrag im Smartphone und wer darauf verzichte, schneide sich – gerade als jemand, der von seinen Kontakten lebe – ins eigene Fleisch.Das sind natürlich gute Gründe, wirklich überzeugt wurde ich aber erst ein paar Tage später. Da nämlich plauderte ich mit meinem Bürokollegen, während er beiläufig einen kleinen Stapel Visitenkarten durchblätterte. Dabei stieß er auch auf die Karte von jemanden, den ich seit Wochen zu erreichen versuche, an dessen Namen ich mich aber nicht mehr erinnern konnte – was natürlich eine ganz ungünstige Voraussetzung für eine Suche in Google ist.Ohne diese zufällig aufgetauchte Visitenkarte hätte ich diesen Kontakt wohl nie wieder herstellen können – oder doch jedenfalls nicht so schnell. Und deshalb habe ich mir jetzt also doch Visitenkarten drucken lassen. Einfach und schlicht, aber mit Visitenkarten-Etui. Wenn schon, denn schon.
