Bitte lächeln, Sie werden gerade fotografiert

Dienstag, 5. Juni 2007, 18.34 Uhr | Giesbert Damaschke

Spätestens seit der Einführung der Foto-Handys, trifft man überall auf fotografierende Menschen. Ganz gleich, wo man sich aufhält, ob auf einem Volksfest oder im Theater, an der Bushaltestelle oder in der Badeanstalt, ob im Park oder in seiner Stammkneipe – immer und überall findet sich jemand, der einen Schnappschuss macht.Bei der allgegenwärtige Fotowut lässt es nicht vermeiden, dass immer wieder sehr viel mehr auf einem Foto zu sehen ist, als man eigentlich ablichten wollte. Da möchte man ein Erinnerungsfoto vor dem Stadtbrunnen machen und bekommt das schmusende Pärchen im Café mit aufs Bild. Beim Gruppenfoto im Bierzelt ist auch der sehr angeheiterte Mann nebenan noch gut zu erkennen. Mit dem Panoramafoto hält man nicht nur einen Überblick vom Marktplatz fest, sondern dokumentiert unfreiwillig auch gleich die Gesichter der Besucher oder die Kennzeichen der PKWs auf dem Parkplatz.

All das ist eigentlich harmlos, schließlich gehört es doch zur Öffentlichkeit, dass man sieht – und gesehen wird. Und was kümmert’s den Herrn Huber aus München, dass er zufällig auf einem Erinnerungsfoto von Mr. Smith aus Washington in schwer angeschlagener und wenig vorteilhafter Haltung zu sehen ist?
Doch dieser naive Umgang mit Bildern (und Videos) ist heute wohl kaum noch erlaubt. Denn heute werden die Fotos nicht mehr nur im privaten Kreis herumgezeigt, sondern für jedermann einsehbar ins Internet gestellt, immer häufiger sogar direkt mit dem Fotohandy, nur Sekunden, nachdem man das Foto gemacht hat.

Natürlich ganz ohne böse Absichten – aber durch die weltweite, dauerhafte und problemlose Verfügbarkeit bekommen die Fotos eine neue Qualität und aus dem harmlosen Schnappschuss kann ein unerfreuliches Dokument werden, das einem kurzem Ausrutscher völlig unangemessene Dauer verleiht oder eine gänzlich harmlose Situation falsch darstellt.

Denn der Bierrausch des Herrn Huber ist auch dann noch für Freunde, Bekannte und Vorgesetzte gestochen scharf im Netz dokumentiert, wenn Herr Huber längst wieder als nüchterner Beamter seiner Arbeit nachgeht. Der angeheiterte, harmlose  Flirt im Café kann noch Monate später unverhofft der Auslöser einer Beziehungskrise werden. Und das Nummernschild des Firmenwagens sollte auf dem Parkplatz vor der Kneipe vielleicht auch nicht unbedingt zu sehen sein.

Dabei sind die Fotos im Netz erst die Spitze eines Problems, das heute erst in Umrissen zu erkennen ist, aber schon recht bedenkliche Schatten voraus wirft.
Wer am Wochenende das Fußball-Spiel gegen San Marino gesehen hat, hat nicht nur ein leider sehr langweiligen Fußball gesehen, sondern auch immer wieder Bilder aus dem Publikum. Ob es Zuschauern wirklich klar war, dass man sie im Fernsehen sehen konnte, darf bezweifelt werden. Um so wichtiger ist hier die Regie, die festlegt, bei welchen Szenen man die Kamera draufhalten kann und bei welchen nicht.
Doch was ist, wenn diese letzte Kontrollinstanz verloren geht und niemand mehr darauf achtet, dass man die Privatsphäre der gefilmten oder fotografierten Menschen nicht verletzt?

Womit wir da in Zukunft rechnen können, lässt einen Google mit seinem neuen Projekt “Street View” ahnen. Dabei schickt Google einen Kamerawagen durch die Straßen einer Stadt, der mit einer automatischen Rundumkamera jede Straße und jeden Ort in einer Stadt möglichst lückenlos fotografiert. Dieses Bildmaterial kombiniert man mit Google Maps, so dass man nicht nur eine Straße nachschlagen kann, sondern sich auch gleich einen detailreichen, hochaufgelösten Überblick der Gegend bekommt. All das erfolgt automatisch und ohne eventuell korrigierenden Eingriff eines Menschen.

Street View mag eine gute Idee sein – würde man bei der automatischen Fotografiererei nicht auch unfreiwillig in die Privatsphäre von Passanten und Anwohnern einbrechen. Denn auf den Fotos sieht man nicht nur die Straßenzüge sondern auch, wie es der Spiegel formuliert, “sonnenbadende Bikini-Mädchen, Nasenbohrer und Pornokino-Besucher – allesamt ahnungslos abgelichtet”. Und nicht nur das: Die Kameras werfen auch zufällige Blicke in die Wohnungen, so dass eine Anwohnerin sogar ihren Kater am Fenster ihres Wohnzimmers im zweiten Stock erkennen konnte.

Google hat mit Street View nach Google Earth und Google Maps einfach nur den nächsten logischen Schritt gemacht – ob es der entscheidende Schritt zu viel war und man eine Grenze überschritten hat, die man eigentlich respektieren sollte, bleibt zu fragen und wird in Zukunft noch für sehr viel Diskussionsstoff sorgen.