Big Brother und das Marketing

Dienstag, 25. September 2007, 15.05 Uhr | Giesbert Damaschke

Die Orwellsche Fantasie vom alles überwachenden “Big Brother”, dem “Großen Bruder”, ist das schon klassische Bild für den totalen Überwachungsstaat, dem keine Bewegung seiner Bürger entgeht.

Doch auch wenn unsere Politiker immer neue Anstrengungen unternehmen, dieses Ideal zu erreichen, ist ihnen auch hier der freie Markt deutlich überlegen und weit voraus. Denn während die staatlichen Überwachungsmethoden von der Videokamera auf öffentlichen Plätzen über Fingerabdrücke im Personalausweis bis hin zur Online-Durchsuchung auf zum Teil heftigen Widerstand der Bevölkerung stößt, sind die Bürger im Netz sehr viel gleichmütiger, wenn die kommerziellen Datensammler unterwegs sind.

Und nicht nur das. Sie lassen es nicht nur geschehen, dass praktisch jeder Klick protokolliert und jeder Weg durchs Netz rekonstruierbar wird, sie werfen sich den Analysten, die ihnen jeden Wunsch vom Mausfinger ablesen und in Produktangebote umsetzen, sogar mit Wonne an den Hals und machen hoch die Tür und die Tore weit, sobald man ihnen ein paar Cent Belohnung hinwirft.

Denn so funktionieren die zahlreichen Affiliate-Programme im Netz, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Der Kooperations-Partner bewirbt auf seinen Webseiten ein Produkt, in dem man einen entsprechenden Link auf seiner Homepage oder in seinem Blog setzt und bringt dem Anbieter so potentielle Kunden auf die Site. Im Gegenzug bekommt er eine Vermittlungsprovision. Wäre das alles, so wäre das ein sauberer Deal, für jeden einsichtig und nachvollziehbar. Aber das ist es nicht.

Denn die Affiliate-Links enthalten schon lange nicht nur eine einfache ID, damit der Anbieter die Besucher einem bestimmten Partner zuordnen kann, sondern sie bestehen aus nachzuladenden, Zählpixel und ähnlichen Dingen. So erhält der verlinkte Anbieter die gleichen Informationen wie der Webserver, von dem die Seite abgerufen wurde.

Anders gesagt: Der Anbieter bekommt die statistischen Daten fremder Webseiten wie etwa IP-Adresse, Referer, Datum oder Uhrzeit. Und er kann diesen Besucher fremder Webseiten auch noch einen eigenen Cookie unterjubeln. So lassen sich Profile von Internetnutzern erstellen, die niemals auf der eigenen Webseite gewesen sind.

Diese Datensammelwut verdankt sich natürlich dem Wunsch, die Bewegungen potentieller Kunden möglichst lückenlos zu erfassen und zu analysieren, um durch optimal angepasste Angebote den Umsatz zu erhöhen.

Was für sich genommen vielleicht lästig, aber noch kein Problem wäre – doch die rasant anwachsenden Datenmengen lassen es sehr schnell zu einem wird. Denn Big Brother ist schon lange nicht mehr im Staatsdienst, sondern leitender Angestellter im Marketing.