Armbanduhren und DSL

Montag, 18. Dezember 2006, 19.00 Uhr | Giesbert Damaschke

Als Kinder staunten wir immer, wenn jemand mit einer “Taucheruhr” am Handgelenk angeben konnte. Dabei handelte es sich natürlich nie um eine echte Taucheruhr, sondern um eine mehr oder weniger wasserdichte Armbanduhr. Die könne man auch unter Wasser benutzen, hieß es. Wer’s nicht glaubte, dem wurde stolz die Rückseite der Uhr gezeigt: “Water-Proof 10m” stand dann da zum Beispiel. “Damit kannst Du 10 Meter tief tauchen”, wurde dieser Aufdruck erklärt. Das überzeugte.

Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass der Besitzer einer solchen Taucheruhr je damit ins Schwimmbad gegangen wäre. Das war wohl auch gut so. Vielleicht wussten die Taucheruhrenbesitzer etwas, das ich erst vor wenigen Wochen gelernt habe.

Flache 10 Meter

Bis vor kurzem nämlich hielt ich an meinem Kinderglauben fest, ein solcher Aufdruck würde das bedeuten, was er so offensichtlich zu bedeuten scheint: wasserdicht bis 10 Meter Tiefe. Bis ich in der Bedienungsanleitung einer neuen Armbanduhr bass erstaunt lesen musste, dass alles ganz anders gemeint ist.

Einer kleinen Tabelle konnte ich entnehmen, dass “10m” nicht etwa bedeute, ich könne mit der Uhr 10 Meter tief tauchen. Sondern: Ich kann sie beim Händewaschen anbehalten, die paar Spritzwassertropfen machen ihr nichts aus. So flach können 10 Meter sein.

Es ist also ganz einfach nur eine Definitionsfrage, was “10m” bedeutet. Und ich vermute, die Uhrenindustrie weiß sich auf der sicheren Seite, schließlich wird sie wohl mit irgendwelchen standardisierten Messverfahren aufzuwarten wissen, auf die sich diese für den Laien einigermaßen irreführenden Angaben zurückführen lassen.

Wie schnell ist schnell?

Heute kann man mit einer Armbanduhr kaum noch jemanden beeindrucken, heute gibt es DSL. Nennt der eine noch stolz eine 2-MBit-Flatrate sein eigen, trumpft der andere bereits mit vier oder sechs MBit auf, muss sich aber vom 16-MBit-Kunden geschlagen geben.

Doch ansonsten hat sich eigentlich nicht viel geändert – heute wie damals muss man halt wissen, wie eine Angabe, mit der der Hersteller wirbt, eigentlich definiert wird und wie schnell eine als “HighSpeed”-DSL-Anbindung in der Praxis tatsächlich ist.

Das musste vor ein paar Tagen ein Kollege auf die harte Tour lernen, als er, neugierig geworden, einmal seine Anbindungsgeschwindigkeit nachmessen wollte.

Bislang dachte er, er verfüge über eine 6-MBit-Leitung, doch zu seinem ärgerlichen Erstaunen ermittelte das Prüfprogramm nur Werte zwischen drei bis vier MBit. Empört schrieb er eine Beschwerde an den Anbieter und schlug vor, dass er demnächst nur noch die Hälfte zahlen werde, weil der Anbieter ja auch nur die Hälfte dessen liefert, das zu liefern er versprochen habe.

Doch da hatte mein Kollege leider die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn sein Anbieter wirbt zwar auf den ersten Blick mit “HighSpeed DSL 6000″, doch wenn man etwas genauer hinschaut, dann sieht man unweigerlich die kleine, aber wirkungsvolle Einschränkung: “Surfen mit bis zu 6016 kbit/s Upstream bis zu 576 kbit/s”. Bis zu. Das bedeutet: Die Verbindung kann schon mal mit sechs MBit pro Sekunde funktionieren – aber sie muss es nicht.

Obendrein hängen die tatsächliche Geschwindigkeit und die Verfahren zur Geschwindigkeitsmessung von viel zu vielen Faktoren ab, als dass man sie ohne weiteres zweifelsfrei feststellen könnte. Am Ende, so könnte man als Anbieter argumentieren, wird es halt so sein, dass die Verbindung immer dann ihre maximale Geschwindigkeit erreicht, wenn man gerade nicht nachmisst oder offline ist.

Kurz: Auch bei DSL ist so wie letztlich überall: man sollte die scheinbaren oder tatsächlichen Werbeversprechen nicht allzuwörtlich und die Geschwindigkeitsangaben als Orientierungspunkte nehmen, nicht als konkrete Angaben.

Immerhin: Eine 6-MBit-Anbindung ist auf jeden Fall schneller als eine mit zwei MBit und langsamer als eine mit 16 MBit – und auf jeden Fall schnell genug, um damit so ziemlich alles zu tun, was man online tun möchte.