AOL, Time-Warner und das Ende der New Economy
Steve Case hat den Time-Warner-Konzern verlassen.Was wie eine alltägliche Personalmeldung aus der Vorstandsetage eines weltweit agierenden Medienkonzerns klingt, besitzt einen sehr hohen Symbolwert. Schließlich ist Steve Case nicht nur Gründer des Online-Dienstes AOL, sondern gilt als der wichtigste Mann bei der spektakulärsten Firmenfusionen der letzten Jahre.
Als Anfang 2000 bekannt wurde, dass die beiden Unternehmen Time-Warner und AOL über einen Aktientausch fusionieren wollten, war das eine viel beachtete Meldung. Als die Details bekannt wurden, war es eine Sensation. Hier entstand nicht nur ein Unternehmen, das mit rund 80.000 Mitarbeiter weltweit rund 36 Milliarden Umsatz erwirtschaftete, sondern hier fanden zwei bislang getrennte Medienwelten zusammen.
Auf der eine Seite stand Time-Warner, einer der traditionsreichen und größten Medienkonzerne der Welt, auf der anderen AOL, der größte Online-Dienst der Welt.
Zu Time-Warner gehörte alles, was in der Medienwelt eine Rolle spielt: Kino, Radio, Musik, Fernsehen, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und so weiter. Nur um die so genannten “neuen Medien” (also Computer und Internet) war es im Unternehmens-Portfolio nicht allzu glänzend bestellt. Sicher, man hatte seine Webseiten, aber im Internet war Time-Warner einfach nur ein Anbieter von sehr vielen.
Da erschien eine Fusion mit dem unangefochtenen Online-Star AOL ebenso naheliegend wie verlocken. Die beiden dominierenden Mächte der alten und neuen Medienwelt, vereint zu einem mächtigen Konzern: Das konnte doch nur großartig werden.
Wurde es aber nicht. Heute, fünf Jahre später, erscheint der Time-Warner / AOL-Deal als das vielleicht widersinnigste Ergebnis des “Dot.Com-Booms”. Die Fusion markiert den Scheitelpunkt der Goldgräberjahre im Internet – von nun an ging’s bergab.
Doch 2000 sah die Zukunft noch glänzend und AOL wie der Sieger aller Klassen aus. Bei der Fusion der beiden Konzerne hatte AOL das Sagen und der Deal wurde kurzerhand als “AOL kauft Time-Warner” interpretiert. Der Firmenname wurde in “AOL Time-Warner” umbenannte und das Logo des Online-Konzerns war allgegenwärtig.
Doch der neue Stern am Unternehmenshimmel sollte nicht allzulange glänzen und die Kritiker, die angesichts der Fusion von “verkehrte Welt” sprachen, sahen sich bestätigt. Denn während dem Börsen-Wert von Time-Warner reale Produkte entsprachen und man über schier unendliche Mengen an “Inhalten” aller Art verfügte, hatte AOL zwar einen deutlich höheren Börsenwert, aber dieser Wert hing fast ausschließlich vom guten Bauchgefühl der Branche ab – als die Internet-Blase platzte, verlor AOL prompt an Wert, wachsende Konkurrenz im Internet tat ein übriges.
Ende 2003 verschwanden die drei Buchstaben wieder aus dem Firmennamen. Der Konzern firmiert seither wieder wie gewohnt als Time-Warner und die rund zwei Jahre unter anderem Namen scheinen wie aus einem rätselhaften Parallel-Universum. AOL ist heute nur noch ein Teil des weitverzweigten Medienkonzerns und nicht einmal sein wichtigster, der in den letzten Jahre eher durch sinkende Mitgliederzahlen und seltsamen Bilanzen in die Schlagzeilen kam.
Wenn Steve Case nun Time-Warner verlässt, um sich seiner neu gegründeten Firma mit dem bedeutungsschwangeren Namen “Revolution” zu widmen (das Unternehmen soll im Gesundheitswesen aktiv werden), dann zieht er damit endgültig einen Schlussstrich und die Illusionen der “New Economy”.
Derzeit mehren sich übrigens die Zeichen, dass AOL wieder an Bedeutung gewinnen kann. Allmählich scheint sich die Wirtschaft von ihrem Kater zu erholen, den ihr der Internet-Rausch beschert hat: Die Anzeigen-Umsätze im Internet steigen seit einiger Zeit kontinuierlich an, wovon natürlich auch AOL profitiert.
Und prompt wird AOL zum begehrten Objekt: Google, Microsoft und Yahoo haben in letzter Zeit häufiger durchblicken lassen, dass sie an einer weitreichenden Kooperation mit AOL interessiert sind.
Der Stern AOLs scheint also wieder zu steigen. Er wird wohl nie wieder so hoch stehen wie vor fünf Jahren – aber nach oben ist immer noch sehr viel Luft. Auch ohne den Gründervater Steve Case.
