Also doch: Handys sind gefährlich. Oder doch nicht?

Mittwoch, 23. Januar 2008, 6.18 Uhr | Giesbert Damaschke

Gestern ging es an dieser Stelle am Rand am Beispiel von Akkus um das Problem, dass wir die Langzeitwirkung bestimmter Maßnahmen nur sehr schwer beurteilen können. Ein Thema, bei dem dieses Problem noch sehr viel stärker auftritt, sind die so genannten “Handystrahlen” – bei denen es sich nicht um Strahlen, sondern um elektromagnetische Felder handelt, aber “Strahlen” klingt natürlich griffiger.

Zu diesem Thema gibt es fast schon unüberschaubar viele Studien, Analysen und Untersuchungen, aber kaum jemand ist in der Lage, die Langzeitwirkung einer intensiven Handy-Nutzung zu beurteilen. Schließlich fehlt es hier an empirischen Daten. Das D-Netz ist zum Beispiel erst rund 20 Jahre alt, seit gut einem Dutzend Jahre boomt der Handy-Markt –: es gibt also nur sehr wenige Menschen, die seit zehn oder besser noch seit 20 Jahren mit einem Handy telefonieren. Und ob deren Erfahrungen tatsächlich statistisch relevant sind oder ob es sich da um individuelle Ausreißer handelt, die es immer gibt, wäre erst noch zu entscheiden.

Kein Wunder, dass die Ergebnisse der diversen Studien heftig umstritten sind und sie mal von dieser mal von jener Partei für sich reklamiert werden. Nun sorgt eine neue Studie für Aufsehen, über die die britische Zeitung The Independent berichtet.

Denn dieses Mal wurde – das jedenfalls behaupten die Forscher – ein eindeutiger Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Schlafstörungen nachgewiesen. Diese Studie erscheint um so glaubwürdiger, als sie ausgerechnet von den Handy-Herstellern selbst in Auftrag gegeben wurde.

Bei der schwedischen Studie wurden 35 Männer und 36 Frauen im Schlaflabor gezielt einem Feld von einer Frequenz mit 884 MHz ausgesetzt. Diese Frequenz gehört zum GSM-900-Frequenzband und entspricht der Funkfrequenz eines Handys.
Das Ergebnis in Kurzform: Das Feld sorgte dafür, dass die Probanden später als sonst in die Tiefschlafphase fielen und die Erholungsphase im Schlaf verkürzt wurde. Allerdings konnte keiner der Probanden am nächsten Morgen sagen, ob er in einem Handy-Feld geschlafen hatte oder nicht. Die Auswirkungen des Feldes waren also messbar, wurden vom Organismusa aber nicht registriert.

Nun streiten sich Wissenschaftler und Mobilfunk-Industrie darum, ob ein Effekt, der zwar eindeutig messbar auch automatisch schädlich ist. Während die Handy-Hersteller die Ergebnisse der Studie herunterspielen und von methodischen Mängeln sprechen, weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass jede Veränderung des Schlafs potentiell gefährlich sein kann.

Außerdem, so heißt es, kämen andere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen. So soll eine belgische Studie das Handy-Verhalten von 1.656 Jugendlichen über den Zeitraum von einem Jahr verfolgt haben. Hier kam man zu dem Ergebnis, dass übermäßiges Telefonieren im Bett zu Schlafstörungen führe. Unter uns – dafür hätt’s wohl keine Studie gebraucht und auch keine elektromagnetischen Felder. Übermäßiges Fernsehen, Lesen und Radiohören zu einer Zeit, zu der man eigentlich schlafen sollte, führt in der Regel ebenfalls zu Schlafstörungen.

Was also tun? Wie man die Ergebnisse der Studie einschätzt, hängt wohl stark von der individuellen Einstellung ab. Wer beweisen will, dass Handys schädlich sind, der wird sie als weiteren Beleg begrüßen, wer vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihre Mängel hervorheben und auf andere Studien verweisen, die zum gegenteiligen Ergebnis kommen.

So oder so – wirklich wissen werden wir es wohl erst in zehn oder 20 Jahren. Bis dahin ist es vielleicht keine schlechte Idee, sein eigenes Handy-Verhalten zu beobachten und vermeidbare Handy-Telefonate in Zukunft vielleicht einfach sein zu lassen.